Bin eben zufällig auf youfellasleepwatchingadvd.com gestoßen, eine Single-Service-Site, die nur den einen Nutzen hat, das wohlige Gefühl zu simulieren, dass einen beschleicht, wenn man beim DVD-Schauen auf dem Sofa eingeschlafen ist und sich im Loop das Menü der DVD wiederholt.

Auch im Bezug auf Marketing eines Filmverleihs oder eines Filmlabels für DVDs im Internet vielleicht eine nette, kleine Idee?
 




Uff. Alleine die Titelfindung für einen Blogartikel darüber ist schon derart mühsam, dass es einem Zahnschmerzen bereitet. Jedoch die Sache will mir nicht so recht aus dem Sinn. Deswegen bringe ich ein paar Gedanken zusammen, die mir gestern und heute mit dem Kind auf dem Spielplatz so durch den Kopf gegangen sind.

Nur kurz einführend für meine Eltern und jene, die es immer noch nicht mitbekommen habe: Es ist Wahlkampf in Deutschland. Familienministerin Ursula von der Leyen hat offenbar einiges an Arbeit in ihrem Ministerium aufzuholen und haut im Schnellschussverfahren eine spinnerte populistische Idee nach der anderen raus (Die Pannen der Frau von der Leyen). Eine dieser Pannen ist ihr Vorstoß mit einem Gesetzentwurf, der das Sperren von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten vorsieht. Klare Sache: gegen Kinderpornographie vorzugehen ist sehr wichtig, dagegen kann natürlich keiner etwas haben. Superthema also auch für den Wahlkampf der Frau von der Leyen. Doch der Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen [PDF], der durch die Familienministerin veranlasst und von CDU/CSU sowie der SPD vorgelegt wurde, ist handwerklich fehlerhaft, gefüllt mit mehrfachen verfassungsrechtlichen Problemen und sieht praktisch eine polizeistaatliche Kontrolle des Internets vor, die einer Zensur gleich käme. Mit dem Vorwand, es gehe gegen Kinderpornographie vor, würde das Gesetz in vorliegender Form einen Mechanismus schaffen für weitreichende, staatliche Kontrolle vom Internet. Vor Wochen hatte ein Artikel in der c't das Dilemma recht deutlich zusammengefasst. Leute, die sich bisschen besser als ich mit dem Internet auskennen, haben schnell darauf hingewiesen, dass das Gesetz ziemlicher Mist ist, gefährlich und reine Symbolpolitik, die nichts bringt und Augenwischerei sei. Schlimmer noch, statt eines bürokratischen Schildbürgerstreichs, geht es um ziemlich wirksame Sperrmethoden. Auch der NDR hatte dazu einen Fernsehbeitrag in ZAPP (youtube direktlink).

Zum Glück gibt es eine Petition gegen den Gesetzentwurf, die innerhalb von vier Tagen eine Rekordzahl an Bürgern unterzeichnet haben (in diesem Moment sind es 101.286 Personen), womit schließlich eine recht breite Presseresonanz erfolgte und schließlich auch im SPIEGELlonline ein Interview mit der Familienministerin über ihren Zensurvorschlag, das Markus auf netzpolitik.org kurz analysiert hat.

Gestern Vorgestern nun war die öffentliche Anhörungen des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie zum Gesetzentwurf. Mit dem offiziellen Ergebnis auf der Internetseite des Bundestages: Kinderpornografie-Sperren im Internet umstritten. Die Sache würde live vom Bundestag im Internet übertragen, die Server waren überlastet, BundestagTV hatte - so hörte man - noch nie so viele Zuschauer. Die Anhörung wird sicher bald im Archiv der Anhörungen des Ausschuss für Wirtschaft und Technologie zu finden sein.

Womit wir nun da sind, wo wir heute sind. Ein verflixtes Spiel, viele wirre Gedanken und wenn mir eines beim Sehen der Übertragung der Anhörung klar geworden ist: keiner weiss nichts. Alle Experten machen den Eindruck, als wenn sie nicht so recht weiter wissen, wie man da jetzt weiter vorgehen soll. Denn zu komplex ist die Sache - rechtsstaatlich wie technisch und nun ja, es ist Wahlkampf. Die Sache hat jetzt so viel Aufsehen erregt, dass sie vom sicher geglaubten Wahlkampfthema zum Wahlkampf-Flopp werden könnte. Die Emotionen sind aus der Debatte raus. Das Schlimmste, was der Familienministerin passieren konnte, ist die nun stattfindende, sachliche Diskussion ihres Gesetzentwurfes, den die Experten des Ausschusses mehrheitlich als zumindest problematisch erachten.

So wird überall berichtet, dass die Anhörung zu Kinderporno-Sperren ein "Strauß verfassungsrechtlicher Probleme" offenbart hat und heftiger Lobbybetrieb vor der Anhörung zu Web-Sperren zu vermerken war. Im Bundestag diskutierten Experten über Sinn und Unsinn von Netzsperren. Vorbehalte gibt es viele, aber das wichtigste Ergebnis lautet: Die Debatte wird endlich sachlicher und CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen hat gleich mit zwei Gesetzesprojekten Schiffbruch erlitten. Sowohl ihr Vorhaben für mehr Kinderschutz als auch ihr Vorgehen gegen Kinderpornografie im Internet fielen bei Experten-Anhörungen durch. Ein PR-Gau für die Familienministerin.

Ohnmacht ist es, was ich spüre. Und noch mehr Links dazu zu sammeln, hilft auch nicht weiter. Ich habe die Anhörung per Audiostream im Büro verfolgt, während ich für die Firma wieder Millionendeals einfädelte und abgewickelte. Dazu selbstverständlich die Berichterstattung von einigen der Anhörung beiwohnenden Twitterern @mspro, @timpritlove, @zufall und @spreeblick (von denen man sicher jeweils noch einen detaillierten Text über die Anhörung erwarten darf (!)). Abends wurde die Anhörung dann vom BundestagTV nochmal wiederholt, hab ich auch reingeschaut.

[Update: mspro berichtet optimistisch und gibt ein wenig Einblick in das informellenTreffen mit der SPD, dass im Anschluss an die Anhörung stattfand: Politik. Jetzt neu: mit uns!]

Erleichtert bin ich, dass das Thema mit angemessener, sachlicher Komplexität rüber gekommen ist. Und doch würde man sich wünschen, dass einer der Experten einfach mal aufsteht und offen, lautstark sagt, was für ein Quark das alles ist. Wohl genauso wenig kann man jedoch erwarten, dass Blogger in einem Werbespott für einen großen Mobilfunkbetreiber in irgendeiner Form subversiv werden würden. Es ist doch überall das Selbe. In der Politik: viele Worthülsen und ritualisierte Staats-Anbiederung. Ich habe mir nur mal eine der Expertinnen herausgepickt, weil sie aus der mir nahen Fachrichtung kommt und ich hoffte, wir sprächen die selbe wissenschaftliche Sprache: Die Medienwissenschaftlerin Dr. Korinna Kuhnen, mit ihrer Dissertation über Kinderpornographie und Internet. Liest man ihre sechsseitige Stellungnahme [PDF], ist klar: ja, sie befürwortet die Maßnahme, überhaupt gegen Kinderpornographie vorzugehen und ihre Einwände sind auch deutlich, wenn auch abschwächend formuliert. Allerdings ergeben sich bei der momentanen Planung zur konkreten Umsetzung der Zugangserschwerungen mit dem nun vorliegenden Gesetzentwurf aus meiner Sicht durchaus verschiedene Lücken (siehe 3.), die z.T. Fragestellungen hinsichtlich einer technisch wie rechtlich (und rechtsstaatlich) sauberen Umsetzung aufwerfen – und die mutmaßlich auch deshalb eine breite gesellschaftspolitische Diskussion in Gang gebracht haben. Diese Punkte sollten zunächst umfassend und abschließend geklärt werden. Daher halte ich den Entwurf, dessen Grundidee ich unterstütze, in der derzeitigen Form jedoch für nachbesserungswürdig. Schwächer und relativierender hätte ich einen Widerspruch auch nicht formulieren können. Unter Punkt 3. nimmt sie dann Stellung zu den Punkten "Spezialgesetzliche Regelung statt Änderung des Telemediengesetzes" (wegen des Eingriffs in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und in das Fernmeldegeheimnis), "Ausschließen einer Ausweitung auf andere als kinderpornografische Seiten" (Maßnahme sollte klar und ausschließlich gegen Kinderpornos sein (nur was ist das im Detail?)), "„Löschen vor Sperren“: Strikte Einhaltung der Subsidiarität und Begrenzung der Sperrliste auf Angebote, die auf außereuropäischen Servern lagern" (Löschen sollte Vorrang haben vor Sperrung), und schlägt schließlich "(Richterliche) Kontrolle der durch das BKA erstellten Sperrliste" (für die rechtsstaatliche Absicherung) vor. Und ganz zuletzt fordert sie das "Kommunizieren einer realistischeren Erfolgserwartung bzgl. der Maßnahme" (wie wär's überhaupt erstmal mit einer realistischen Erfolgserwartung) und "Verstärktes Verfolgen weiterer Ansätze in Strafverfolgung und Prävention" (und da erst kann sie eigentlich als Psycholgin wirklich Expertise leisten). Das ist alles richtig. Und doch, in der mündlichen Prüfung Anhörung kam sie mir zumindest lediglich als neutrale Befürworterin von Frau von der Leyens Gesetzentwurf rüber. Zu viel Textgeschwurbel. Zuviel Anbiederung. Nicht nur bei ihr, sondern bei vielen Stellungnahmen der Experten. So mein Eindruck. Wohl auch, weil ich diese Form der politischen Sprache nicht gewöhnt bin. Man sollte auch nicht erwarten, dass bei so einer Anhörung irgendetwas Unvorhergesehenes passieren würde. Alle Pressemitteilungen der Fraktionen werden schon Tage vorher vorformuliert, die Formulierungen finden dann repräsentativen Einzug in die Sitzung, gehen dann als sich selbst bestätigende Mitteilung an die Presse. So funktioniert PR, muss man sich nicht drüber wundern. Schön, dass zumindest einige Teile der Presse das Thema jetzt derart auf der Agenda haben, dass die Verlautbarungen nicht mehr nur abformuliert werden.

Eine politische Analyse zur Anhörung gerade eben online gegangen bei netzpolitik.org: Anhörung zu Netz-Sperren im Bundestag: Niemand hat die Absicht, eine Zensur-Infrastruktur zu errichten

Sprache ist so eine Sache. Es ist ein Unterschied, ob man sagt, der Gesetzentwurf sei "eine Verkettung unglücklicher Umstände die zum Tod der deutschen Online-Wirtschaft führt", oder ob man lautstark ruft, "die Wahrheit über die Zensurpläne des Wirtschaftministeriums". Jovelstefan und Sven haben im Hamburger zum Mittag Podcast Nr. 53 analysiert, warum der vorliegende Gesetzentwurf den Tod für die Online-Wirtschaft bedeutet. So albern HZM oft ist, hier wird mit ein bisschen Auskennen in technischer Funktionsweise des Netzes und ein wenig psychologischem Einfühlungsvermögen in die Akteure (beim BKA, bei Usern, bei Firmen etc.) aufgezeigt, was für eine negative Lawine für die Internetwirtschaft das alles auslösen könnte. Ist alles recht nachvollziehbar und jenseits von Verschwörungstheorie, kann man sich also mal in Ruhe anhören: HZM #053 - Direktlink zum mp3.

Was mir jedoch Sorgen macht, all die Stunden nach der Anhörung, ist die sogenannte "Internetgemeinde". Also, dieses wir jetzt. Da gibt es politische Agitatoren, da gibt es Marketing- und PR-Berater, da gibt es Infobroker und Infojunkies, da gibt es Multiplikatoren und Masse. Ist bislang gut gelaufen, der Meinungsfeldzug. Und ein toller Proof of Dings, dass es möglich ist, über das Internet gesellschaftliche Meinung zu vernetzen. Ich würde nur zu gern begrüßen, wir würden es schaffen, nicht immer im eigenen Saft zu schmoren. Und vor allem: etwas mehr Nachdenken, etwas weniger Geschwindigkeit mit dem Meinunghaben.

Denn mal ganz ehrlich. Ich finde, wir klingen alle in unserer Ohnmacht genau so wie damals, als Johnny und Sascha kein iPhone vom Telekom-Laden bekommen haben: wie kleine Jungs, denen ihr Spielzeug verwehrt wird. Ich würde es begrüßen, wenn wir alle, jeder für sich, mal etwas weniger Stammtisch, etwas weniger Schuljungen-Politisierung, etwas weniger Emotionalisierung gegenüber der Sache an den Tag legen könnten. Denn sonst werden wir als Bürger (und Wähler) natürlich nicht ernst genommen.

Damit meine ich konkret:
- wer über #zensursula verärgert ist, sollte nicht im nächsten Atemzug die kollektive oder von oben verordnete Zensur von unliebsamen politischen Parteien auf Twitter oder Facebook fordern.
- mehr Abstraktionsvermögen: nur weil jetzt gerade Dich ein politischer Vorgang das erste mal in deinem Leben so richtig vehement interessiert, heisst das noch lange nicht, dass all das diverse Gesellschaft um dich rum das genau so sieht. Es ist richtig, dass das BundestagsTV mitten in der Anhörung den Stream abschaltet, egal was die Quote sagt. Das hat nichts mit Quote zu tun. Das ist nicht Zensur, wie einige überschwänglich behaupteten. Programm ist Programm und das beruht beim BundestagsTV auf dem Gleichbehandlungsprinzip. Genauso wie die Redner im Bundestag formal gleiche Rededauer haben.
- Willkommen in der Realität: Es ist nicht alles einen Klick entfernt (so schön es wäre). Das Internet, ach was soll's ... Nur weil Du neulich noch Deine Stimme bei der Online-Petition gegen den Gesetzentwurf abgegeben hast, heisst es nicht, dass der Bundestag innerhalb von 2 Werktagen über amazon.de dir dein neues Gesetz ins Haus schickt. Ich spreche damit jene Ungeduld an, die ich bei vielen Onlinern beobachte, das dieser gefährliche Gesetzentwurf endlich kippen möge. Ja, klar. Aber was dann? Ist doch klar: Dann kommt der nächste Regulierungsversuch.

Man muss sowas auch immer in größeren Rahmen denken. Regulierung von Medien war schon immer ein spannendes, gesellschaftliches Kräftemessen. Ich hab mich beispielsweise mal mit der Filmzensur in den USA beschäftigt (das da mit den Sonderzeichen, achachach, ein Datenbankumzug ...). Klingt staubtrocken, ist aber eine Hammersache! In der Filmindustrie ist es z.B. so, dass es immer wieder auf der politischen Agenda steht, ob bestimmte Inhalte reguliert werden sollen und in welcher bildlichen Form was dargestellt werden darf. Da hacken sich dann die Lobbyisten die Augen aus. Bislang hat unsere Internetgeneration so etwas noch nicht erlebt (ausser vielleicht im Kulturkampf der 1980er). Wir erleben gerade erst eine der untersten Stufen der Regulierungsbestrebungen eines neuen Mediums, oder einer neuen Kommunikationstechnik, wie es das Internet heute für uns ist. Das wird Zeit unseres Lebens so weitergehen. Daran sollten wir uns gewöhnen und eine reflektierte, wie wache Haltung einnehmen. Keine Schnellschüsse, wie die der Zensursula, sondern stetiger Tropfen.

Es ist schon sehr auffällig, dass das Innenministerium sich derzeit so bedeckt hält. Erstmal müssen die Damen und Herren mit den weichen Ministerfächern ran: "Komm Ursula, das mit den Kinderpornos im Internet, dass überlassen wir dir ..." Der Nächste steht schon vor der Tür: Kulturstaatsminister macht sich für Internetsperren bei Urheberrechtsverletzungen stark. Ich bin gespannt, welche Milchkuh der Landwirtschaftsminister durchs Dorf treiben wird dürfen.

Liebe (meine) Eltern, um es zusammen zu fassen: das was die Regierung derzeit an Maßnahmen der Volksüberwachung plant, ist alles ein bisschen krasser, als die Sache mit der Volksabstimmung in den 1980ern, gegen die ihr so protestiert hattet. Mutter, Deine Karstadt-Kundenkarte weiss heute mehr über dich, als dir damals lieb war. Deswegen möchte ich all jenen empfehlen, die es noch nicht getan haben, diese Online-Petition gegen die Internetzensur zu unterzeichnen, denn Politik besteht aus Zahlen und aus Quote. Und in den nächsten 150 Jahren werden weitere Petionen gegen ähnliche Gesetzentwürfe folgen, bitte auch unterzeichnen. Es geht in erster Linie nicht um Kinderpornographie. Es geht um die Einführung von Mechanismen jenseits des Rechtsstaates, mit denen pauschal das Abrufen von unliebsamen Inhalten gesperrt und überwacht werden könnte.

Danke.
 




Als das Ich noch Kind war, war Helgoland meine Lieblingsinsel. Wegen der Nähe zu Legoland. (und natürlich wegen der verfressenen Königin Henrietta, die dort wohnte!)
 




Wenn man ein Kind hat und sich mit dem Kind auseinandersetzt und viel beobachtet, kommt einem der ganze verflixte Kram wieder hoch, den man eigentlich mal an sich verändern wollte, aber aus Bequemlichkeit doch besser nur so ein bisschen verdrängt hat. Und auf einmal tritt das alles wieder los und du bist gefordert. Auf dem Spielplatz willst du gegenüber Bratznasen nicht mehr so reagieren, wie du immer gegenüber Bratznasen reagiert hast. Das hört nie auf im Leben mit dem Sich-Durchsetzen. Muss man immer ... überlegen wo man hin will, gucken wie man dahin kommt und wer einem da im Weg steht.

So jedenfalls seh' ich das alles gerade.

"... das, was alle immer gemacht haben. Dem man dann automatisch aus dem Weg geht, um der Enttäuschung vorzubeugen und sich irgendwann mit diesem kranken Automatismus selbst ins Knie schießt, wenn es wirklich wichtig ist."
 






Die Kunst der Tarnung in kommerziellen, urbanen Umgebungen: Urban Camouflage.

(via machtdose)
 




Medienradio.org haben mich zu ihrem heutigen Podcast eingeladen. Das Ganze ist ein noch recht junges Podcast-Projekt von Philip Banse (der auch kuechenradio.org macht), Markus Heidmeier, Thomas Jaedicke und Jana Wuttke, die alle zusammen was mit Breitband auf Deutschlandradio Kultur zu tun haben.

Ich bin gespannt, auf was ich mich da eingelassen habe. Angekündigt wurde mir keine feste Themenagenda, aber dass Stefan Wieduwilt, der Produzent der TV-Sendung Berliner Nachttaxe, kommen wird und eventuell auch Johnny Haeusler (der war nicht da). Kann man also neugierig drauf sein. Los geht's heute (Vatertag) so gegen 21 Uhr, habe ich verstanden ich.

das mp3 zum Download (via medienradio.org )
 




Mein 1. Vatertagsgeschenk.

Hallo, es ist Himmelfahrt, Herrentag, Vatertag, Familientag. Durch einen Tweet von misscaro bin ich heute früh noch im Bett auf das englischsprachige Weblog glow in the woods aufmerksam geworden, dass von und für Eltern geschrieben ist, die ihre Kinder verloren haben. Natürlich nicht verwunderlich, dass zu so einem Thema man nur ehrfürchtig mitlesen und still Anteil nehmen kann. Selber mag ich mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ...

Vatersein. Seit etwas mehr als einem Jahr ist das bei mir tägliches Rollenfindungsthema in Heavy-Rotation, dass schnell von dem One-Hit-Wonder "Vaterwerden" abgelöst wurde. Man muss es niemanden erklären, jeder weiß es: ein Kind zu bekommen ist ein einschneidendes Erlebnis im Leben, dass man erst vollends emphatisch nachvollziehen kann, wenn es schon zu spät ist. Plötzlich ist man mitten drin und konnte sich doch nicht angemessen darauf vorbereiten. Das Thema der neuen Väter kursiert ja nun schon seit einiger Zeit, nur ich hab mich natürlich erst jetzt damit auseinandergesetzt, weil es mich vorher einfach nicht anging. Trotzdem habe ich noch immer kein Account in der Community von ichbinpapa.de.

Dass sich in den letzten Jahren neue Vaterrollen heraus kristallisiert haben, ist nichts Neues. Eine Vielzahl an Vaterbüchern, die keine Spurensuche nach dem eigenen Vater sind, sondern Kolumnen, Ratgeber und Erfahrungsberichte von Vätern für Väter, zeugen auf dem Buchmarkt von dieser Welle der familiär-sorgenden Väter. Das Phänomen dieser Neue-Vaterrolle-Bücher hatte bereits im November 2001 Wiglaf Droste in seiner Glosse über die Schreibtischväter aufgedeckt. Und in gewisser Weise stimmt es ja auch, was Droste beklagt: Vieles von der Väterliteratur ist ziemlich selbstreferenzieller Quark. Oft genug stand ich in Buchhandlungen blätternd vor dem Elternratgeber-Regal und habe doch nie ein Väterbuch gekauft.

Ich wage die steile These zu formulieren: Die meisten Väterbücher werden in Gegenden geschrieben, die entweder der Prenzlauer Berg sind, oder sich ähnlich anfühlen. Dort eben, wo die heutigen, medienschaffenden Väter und Autoren so zu Hause sind. Doch jeder, der irgendwas mit Medien macht und sich mit Meinungsbildung auskennt, weiß: Was mediales Thema ist, muss nicht gleichzeitig gesellschaftliche Relevanz haben. Der Prenzlauer Berg ist nicht Abbild der Bundesrepublik, auch wenn dort am Prenzlauer Berg sich für manche Mitglieder der jüngeren Medienelite der Alltag abspielt. Wo ich wohne, hier in Schöneberg, wohnt beispielsweise eher die ältere Medienelite und man kann von einer lebhaften Schwulenkultur sprechen. Daher kloppen wir frischen Eltern uns hier auch nicht alle wie blöde um die begehrtesten Kita-Plätze.

Ich bin von jeher kein Freund von starren, exklusiven Rollenidentifkationen. Jedenfalls nicht auf jene kataloghafte Art, wie man sie in handelsüblichen Väterbüchern vorfindet. Und ich suche gedanklich immer dann das Weite, wenn Leute sich zu sehr mit einer Rolle indentifizieren. Genau, wie die perfekte "Supermami" auf die Nerven geht, gehen Vaterrollen-Väter auf die Nerven. Und dabei bin ich natürlich selber einer, halbtags und an den meisten Feiertagen. Doch es ist alles natürlich nicht so leicht. Viele frische Väter, die ich auf dem Spielplatz beobachte, hadern sicher genauso wie ich mit der Vaterrolle. Man ist tagsüber mit einem Kind auf dem Spielplatz Vater alleine unter Müttern (und ich rede nicht von jenen Anzugträgern mit Blackberry, die dann irgendwann gegen 16:30 Uhr mit ihren Kindern auf dem Spielplatz tummeln). Aus den lautstarken Bekundungen der deutschen Hartz IV-Muttis auf unserem Spielplatz an der Ecke, lässt sich schließen, dass in der Gesellschaft immer noch jenes Bild vorherrscht, jeder Kerl, der sich einfühlsam und ausgiebig um sein Kind kümmert, sei eine Sissy. Zum Glück war ich schon immer eine Sissy, man kommt also klar damit.

Harald Martenstein hat sich im "Kultur SPIEGEL" (im Oktober 2006) mal mit dem neuen "Vaterland" beschäftigt und geht auf heutige Vatertypen ein, die der französische Psychologe Jean Le Camus in seinem Buch "Vater sein heute" beschreibt:
"Der "Fürsorgliche Vater" hat sich schon vor Jahren in Filmen wie "Kramer gegen Kramer" oder "Drei Männer und ein Baby" angekündigt. Er ist ein Mann, der Breichen kocht, aufs Töpfchen setzt und in den Schlaf wiegt. Allerdings scheinen die Kinder trotz allen männlichen Breichenkochens und trotz des Emanzipationsdiskurses hartnäckig auf dem Unterschied zwischen Männern und Frauen zu bestehen. Le Camus zitiert Untersuchungen, nach denen sich Kinder auch bei gleichgewichtiger Rollenverteilung im Falle eines Wehwehchens lieber von der Mutter trösten lassen, während sie den Vater als Spielgefährten mindestens genauso attraktiv finden. Die Mutter scheint in der Entwicklung für "Bindung" zuständig zu sein, der Vater für "Erkundung". Und Väter, auch extrem fürsorgliche, bleiben Abenteurer und Raubeine, sie loben seltener und ermutigen häufiger als Mütter."
Dies habe die Wissenschaft herausgefunden. Also sind doch die Kinder Schuld an meinen Rollenbildsorgen. Die Kinder werden von der Natur (oh je, die bösen Gene!) gezwungen, in Rollenklischees zu fühlen und zu handeln. Leider ist auch das mal wieder alles nicht so leicht, wie die französischen Theoretiker sich das mit ihrer traditionell hergebrachten Klassengesellschaft immer wieder so vorstellen wollen. Aber ich kann natürlich auch nicht das Gegenteil beweisen (alles ist kulturgesellschaftlich determiniert) und wahrscheinlich ist es die Mischung aus Natur und Kultur.

Wie finde ich mich aber nun zurecht in meiner eigenen Vaterrolle mit all dem Diskurs-Ballast, in einer monogamen, heterosexuallen Beziehung und mit lebhaftem Interesse (und hin und wieder Genervtheit) am Kind? Lesen hilft, wie man sich denken mag, nicht viel. Wenn ich aber nur aus dem Bauch heraus handele, entdecke ich in mir oft meinen Vater und dessen Vater wieder. Nicht alles war schlimm und falsch. Zuviel Konzept in der Erziehung verblendet, aber auch bloß nicht die Fehler der Vorgängergenerationen wiederholen. Und das Dilemma reicht ja noch viel weiter, denn nicht nur die Väter, nein überhaupt die Männerrollen sind am Wanken, wie es ganz treffend im neuen Pirsch-Blog zusammengefasst wird: Von Sissy zu Siegfried – Was Männer wirklich lernen müssen.

Optimistisch gesehen muss ich mir also, wie ich aus obigem Pirsch-Artikel lerne, meine Rollenkonflikte als flexible Rollenmodelle zwischen Macho und Softie verstehen, die ich situativ kombinieren darf. Ich muss nicht mehr "one size fits all"-Klischees entsprechen, sondern darf Rollen switchen. Nun gut, das kann ich. Kann mich nicht erinnern, je etwas anderes gemacht zu haben. Ist nur die Frage, wann das "Alles-ist-erlaubt"-Modell so in der Gesellschaft angekommen ist, dass ich mich um die Akzeptanz meiner selbst gebastelten Vaterrolle nicht mehr scheren muss.
 





Photo uploaded by tristessedeluxe.

Kurz nachdem man am Auswärtigen Amt vorbei aus dem Wald raus ist und die erste Strandbucht vor sich sieht, liegt dieser Stein am Wegesrand. Er steht für mehr Liebe auf der Welt. Der Doppel-T ist eine gute Wahl dafür, denn immer dann, wenn Funktion und Nutzeffekt an erster Stelle stehen, werden Doppel-T und Wellenverbund gerne verlegt.


 




Bild 062 von #365

Es fällt nicht leicht, nach einer zwei-monatigen Blogpause, einfach wieder anzufangen. Eigentlich war ja gar keine Unterbrechung mit dem Ins-Internet-Schreiben. Aber hier habe ich pausiert, mit der leisen Hoffnung, mir ein wenig klarer darüber zu werden, mit was für Themen und Schwerpunkten ich mich beschäftigen möchte und in welcher Form das auf meinem Blog geschehen soll. Denn die private Nabelschau alleine, nun, die bringt ja niemandem wirklich einen Erkenntnisgewinn. Eigentlich hatte ich nun gehofft, nach einer gewissen Zeit, mit einer schicken Zäsur wieder zu starten, zu re:launchen, eventuell auf eigener Domain, wie die Großen. Doch daraus wird erst einmal nichts. Ein wenig das Layout aufgefrischt, die Helvetica statt der Verdana, das muss erst einmal reichen. Hauptsache überhaupt wieder einen Anfang finden.

Ein Grund für die Blogpause war, dass ein guter Freund so ehrlich war, mir zu sagen, dass er meine Blogtexte eher nur so mittelmäßig fände. Er meint, wenn ich wirklich schreiben wolle, dann solle ich mich mal ein bisschen mehr ins Zeug legen. Denn Weblogschreiber, die würden doch nur vor sich rumdümpeln (er verglich das direkt mit einer Phase in seinem Leben, in der er sich selber Selbstverwirklichung mit einem kleinen Projekt vorgemacht hat, sodass das nicht als Beleidigung gemeint war). Und da ich viel Wert auf die Meinung von guten Freunden lege, hab ich mir den Hinweis auf eine gewisse Mediokrität und einige seiner gut gemeinten Ratschläge zu Herzen genommen. Das Problem dabei natürlich, wenn man nicht mehr aus Impuls schreibt, Blogtexte erst reifen lässt, werden sie einem schnell lästig und auch nichtig. Hinzu kam gleichzeitig der starke Wunsch nach Veränderung in meinem beruflichen Leben. Mehr Klarheit über meine Fähigkeiten und Ziele, mehr Selbstbewusstsein sowie eine Professionalisierung in von mir bestimmten Themenbereichen.

Das ist momentan alles noch im Prozess befindlic. Aber es lösen sich derzeit beständig kleine und größere Knoten in meinem Denken. Für dieses Blog heisst es erst einmal: Weitermachen. Man muss loslassen können von fest gefahrenen Strukturen. Das Bloggen könnte für mich auch zu so einer Einbahnstraße werden - ein schönes Hobby, was man als Heranwachsender tut, in Phasen der Ich-Werdung. Ein Baden im eigenen Sumpf, das einem den Schritt zur Veränderung verwehrt. Nun, liebes Tagebuch, ich schnuppere inzwischen Erwachsenenweltluft. Ich werde Dich entsprechend anders behandeln (und ich hoffe, mir damit nicht selber die Latte zu hoch zu hängen). Man wird sehen.
 




Hier ist bis auf weiteres Blogpause, Herr Banause.
 









(Live Visuals von lem-studios.com)

Ich habe heute vier CDs geschenkt bekommen als Dank für was anderes. Die Musik da drauf ist alles nicht wirklich so recht für mich gemacht, aber eine ganz coole multimedia DVD von The Hotel ist dabei (von denen ist die Musik in obigem Video).
 




:::: gesehen am 24.2.2009 im CineStar (Pressevorführung)

USA 2009 - Regie: Zack Snyder - mit: Jackie Earle Haley, Patrick Wilson, Malin Akerman, Billy Crudup, Matthew Goode, Jeffrey Dean Morgan, u.a.



Heute ist offizieller Start des Film, dem ja doch ein gewisser Hype folgt. Aber ich habe noch keine Zeit gefunden, mir innerhalb der letzten Woche seit der PV eine abschließende Meinung über den Film zu bilden. Was an sich ein gutes Zeichen ist, denn man kann den Film nicht mal eben einfach kategorisieren und in einer Schublade verschwinden lassen. Harter Brocken, auf seine Art. Direkt nach der Vorführung habe ich getwittert: WATCHMEN gesehen. Viel Wumms, etwas amerikanische Volkspsyche, im Kontext Comic-Verfilmung aber ganz ok. Bin zu alt für sowas. Man war erschlagen, nicht nur ich, sondern das Publikum der Pressevorführung allgemein wirkte etwas müde. Wohl aus dem selben Grund, aus dem ich mich freute, keine professionelle Filmkritik über den Film schreiben zu müssen. Ich interessiere mich nicht so sehr für den Diskurs Comicverfilmung, als dass mich das Thema vollends aufblühen lässt. Viel mehr aber hat mich beim Sehen das historisch-soziologische Gefüge des Stoffs interessiert. Die ganze Schiene, immer wieder faszinierende: History, Identity and Society in Popular American Cinema ... aber das ist ja weniger dem Film als der Vorlage selber anzuerkennen.

thgroh schreibt im Perlentaucher (weiter unten) und in ähnliche Richtung würde ich meine Kritik auch ausrichten:
Nur ist eben alles, was gut ist am Film, nicht Produkt eigener Reflektionsleistung, sondern abgepaust. Das wenige Eigene - Snyder pflegt auch hier seinen Fetisch für Zeitlupendynamik im Scharmützel - wirkt eher unerheblich, mt einer Ausnahme: der herrlich geglückten Vorspannsequenz, die in zahlreichen tableaux vivants das alternate history setting ausbuchstabiert. Es ist ein ständiges Apropos, ein ständiges Nicken in Richtung Comicheft: Schaut her, schaut hier, sehet dies, sehet das - ein Fabulieren in Bildern, denen, und dies eben ganz im Gegensatz zur Vorlage, jedes Rätsel, jede Anspielung zugunsten der bloßen Präsenz des Erwartbaren gründlich ausgetrieben wurde.
Der Film macht durchaus Spass, er versucht eine ungewohnte Dramaturgie (statt Anfang, Höhepunkt, Ende gibt es Anfang, Höhepunkt, noch einen Anfang und ein Ende) ich hab es nicht bereut ihn zu sehen. Doch bleibt ein fader Beigeschmack. Der Film scheitert im Vergleich zur Comic-Vorlage respektabel.

Ansonsten interessant: Watchmen Shouldn't Be A Movie, Viral Video: Who Watches the Watchmen? - A Veidt Music Network (VMN) Special - 1983 und der popkulturjunkie mit sehr positiver Meinung.
 




Nach diesem Abend wird es noch schwerer fallen, hier irgendwas reinzuschreiben.
 








familienfotos gefunden. von meiner damaligen, amerikanische gastschwester. hier.
 




Hat ja jeder mitbekommen, der deutsche Kurzfilm Spielzeugland von Jochen Freydangk hat den Oscar in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ gewonnen. Ich kenn den Film selbstverständlich und möchte nur sagen: in der deutschen Festivallandschaft hat der nicht so unbedingt die erfolgreiche Runde gemacht. Die Voting-Mechanismen der Academy sind erfahrungsgemäß unergründlich.

Die bisherigen Werken von Jochen Freydangk kann man übrigens kostenpflichtig online ansehen: Dienst und Glückliches Ende
 




Zwei befreundete Trickfilmer haben jetzt für ihren neuen Film ein Produktionsblog gestartet. Hier unter trickfilmgestalter.wordpress.com. Ich glaube, das wird schön, denen bei der Arbeit zu zu sehen. Geht schon gut los. Auch mit Katzencontent!

Ich zitiere:
Wir haben unsere Produktion zum neuen Film EMPLOYEE OF THE DAY (bisheriger Arbeitstitel) nun offiziell begonnen.
Das ist uns Anlass, einen kleinen Produktionsblog zu starten, wo wir von Zeit zu Zeit kurze Einblicke in unsere Arbeit, erste Impressionen und generelle Umgebungseindrücke posten werden - kurz: wir dokumentieren unser Schaffen als Work-in-Progress.

Wir freuen uns über jegliches Interesse, Feedback und angekündigte Spontanbesuche im neuen Studio frei nach dem schönen Motto:
"Wenn Freunde Unterstützung bieten, dann schafft man alles!"

 





Photo uploaded by tristessedeluxe.


 




:::: gesehen am 14.2.2009 im Cinestar

USA, 1960/61 - Regie: Robert Wise, Jerome Robbins - Darsteller: Natalie Wood, Richard Beymer, George Chakiris - Sektion: Retrospektive



Mein letzter Film auf der diesjährigen Berlinale war dann also dieser hier aus der Retrospektive, eine saubere, neue, rekonstruierte 70mm-Kopie. Ich dachte eigentlich, den Film schon mal auf Video gesehen zu haben. So leicht täuscht man sich. Da hab ich doch Kino mit dem Erlebnis einer College-Musical-Inszenierung von "West Side Stroy" vor ziemlich genau 20 Jahren verwechselt. Was soll man sagen. Großes Kino wird im großen Kino nicht kleiner. Schön bunt. Schön, die einzelnen Nähte an Hemden zu sehen, oder die Texturen von Stoffen im Brautladen, oder Details im Mauerwerk. Der Dreck der Straße. Popkultur pur, amerikanische Identität. Michael Jackson sowieso. Satter Sound auch. Einige Plätze neben mir saß ein etwas nerviger, junger Mensch, der oft schief mitsingen oder sich unterhalten musste und bei der Balkonszene dann schließlich bemerkte, dass die Szene ja wohl bei "Romeo und Julia" geklaut sei. Dumpfbacke! Was soll da man machen?
 




:::: gesehen am 14.2.2009 im Zoo Palast

Deutschland, Frankreich, 2008 - Regie: Julie Delpy - Darsteller: Julie Delpy, William Hurt, Daniel Brühl - Sektion: Panorama Special



Ein Kostümfilm über Jugendwahn und das Altern, über Macht und Wahnsinn. Für mich eigentlich ein Film über den Mythos des Vampirismus. Wie entstehen derartige Legenden, welche Machtinteressen schüren solche Legenden und mit welchen populistischen Mechanismen. War okay Film, stellenweise schön grausig auch. Julie Delpy muss man da allerdings schon mögen.

Hierum geht's. Bin schon etwas zu müde zum Nacherzählen, daher aus dem Berlinale Programm:
Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Gräfin Erzebet Bathory gilt als mächtigste Frau im Land – schön, intelligent und nicht bereit zu akzeptieren, dass Männer in dieser Welt die Regeln nach Belieben manipulieren. Auf ei­nem Fest lernt sie den weitaus jüngeren Istvan kennen. Leidenschaftlich verlieben sich die beiden ineinander. Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer: Istvans Vater Graf Thurzo zwingt seinen Sohn, den Kontakt zu Erzebet abzubrechen und beginnt ein intrigantes Spiel. Sein Plan geht auf: Erzebet vermutet eine Zurückweisung aufgrund des hohen Altersunterschiedes und erliegt, getrieben von Sehnsucht und Enttäuschung, der bizarren Idee, das Blut jungfräulicher Mädchen verhelfe ihr zu ewiger Jugend und Schönheit. Immer mehr junge Frauen werden daraufhin auf ihr Schloss gebracht. Erzebets wahnhaftes Verhalten steigert sich zusehends. Zu spät erkennt sie, dass sie das Opfer politischer Intrigen und Machtkämpfe wurde, an deren Spitze der Vater ihres Geliebten steht.

Die authentische Erzebet Bathory wurde 1560 in eine einflussreiche Grafenfamilie hineingeboren. Schon als Kind wurde sie mit einem ungarischen Grafen verheiratet, mit dem sie fünf Kinder hatte. Ihr Reichtum und der große Einfluss ihrer Familie begründen den Zweifel, der seit den 1980er Jahren am Prozess von 1610 aufkam, bei dem Diener unter Folter aussagten, ihre Herrin wäre für den Mord an über 150 Mädchen verantwortlich. Drei ihrer Diener wurden zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, sie selbst bis zu ihrem Tod 1614 auf einer Burg eingekerkert. Im 19. Jahrhundert wurde ihre Geschichte zum Stoff zahlreicher literarischer Bearbeitungen.

 




:::: gesehen am 14.2.2009 im Friedrichstadtpalast

Deutschland, 2009 - Regie: Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Martin Gressmann, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer, Hans Weingartner - Sektion: Wettbewerb (außer Konkurrenz)



Omnibusfilm mit 13 kurzen Filmen unterschiedlicher deutscher Filmemacher zur Lage der Nation angelehnt an die Machart von "Deutschland im Herbst" (1978). Jeder der beteiligten Regisseure verfilmt eine persönliche Wahrnehmung und eigene Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei in der Wahl des Formats und des Inhalts. Die einzelnen Beiträge konnten Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein. Entstanden ist ein panoramenhaftes Gesamtbild, dass Raum für komplexe und vielschichtige Interpretationen freimacht. Ich fand's tendenziell sehr gut, wenn auch teilweise etwas arg politisiert wird. Gut, dass keine Kopie von "Deutschland im Herbst" entstanden ist, sondern tatsächlich etwas mit Aktualitätsbezug.

Erster Tag (Angela Schanelec)
Epilog - hab ich nicht von Anfang gesehen, weil erst nach Filmstart noch von einem netten Mitarbeiter des Friedrichstadtpalastes als Nachrücker reingelassen worden. War aber was mit nebeliger Landschaft am Morgen.

Joshua (Dany Levy)
Recht klamottiges Kurzstück über ein Deutsches Psychopharmaka, dass Deutschland im rechten Licht erscheinen lässt.

Der Name Murrat Kurnaz (Fatih Akin)
Nachstellung des Interviews mit Murrat Kurnaz, das am 22.10.2008 auf sueddeutsche.de veröffentlicht wurde.

Die Unvollendete (Nicolette Krebitz)
Zum neuen Feminismus. Eine Jugendliche trifft in einem imaginären Raum Susan Sontag und Ulrike Meinhof zum Zwiegespräch, um festzustellen, dass die Theorien der Vorbilder verblassen und nicht mehr auf die eigene Zeit und das eigene Selbstverständnis als Frau anwendbar sind. Es bleibt eine Unvollendete, ein unvollendeter Feminismus.

Schieflage (Sylke Enders)
Erfolgreiche TV-Reporterin und Mutter macht Boulevard-Stück über Suppenküche für arme Kinder. Dabei muss sie feststellen, dass ihre Schubladen und medialen Erklärungsmuster nicht so einfach greifen.

Den Weg, den wir nicht zusammen gehen (Dominik Graf)
Sehr schöner Filmessay über Architektur, Geschichte und Identität. Warum werden alte Wohnhäuser - die letzten lebendigen Zeugen deutscher Geschichte - abgerissen? Symbolisieren die Neubauten der heutigen Zeit eine Tranzparenz, die in Wirklichkeit die totale Überwachung bedeutet? Die Macht und das Mauerwerk.

Fraktur (Hans Steinbichler)
Kurzspielfilm über Layout-Update der F.A.Z. - und ein Putsch der Chefredaktion.

Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten (Isabelle Stever)
Dokumentation einer Schulklasse beim wöchentlichen Besprechen und demokratischen Lösen von Problemen. Die Kinder sollen dabei Demokratie lernen. Der Zuschauer sieht aber, dass die Demokratie von einer Staatsmacht (die Lehrerin) gesteuert wird, denn das worauf sich die Kinder demokratisch einigen, ist nicht mit der übergeordneten Zielen der Pädagogik vereinbar. Kontrollierte Demokratie. Die Illusion von Volksentscheidungen.

Gefährder (Hans Weingartner)
Fiktionalisierte Darstellung der Sache aus dem letzten Jahr mit dem Sozialwissenschaftler, der wegen seiner Forschungen zur urbanen Gentrifizierung als Terrorismusverdächtigter in Untersuchunghaft kam. In seinem Umfeld wurden ca. 4000 weitere Personen beschattet, Daten flossen in Terrorismusdatei ein. Inszenierung von Terrorgefahren zum Zweck der Überwachung unter dem Deckmantel der Prävention.

Feierlich reist (Tom Tykwer)
Globalisierung und Identität am Beispiel eines Geschäftmannes.

Ramses (Roland Kamakar)
Porträt eines Sexbar-Besitzers, der, wenn er von den sexuellen Fetischen der Gäste in seiner Bar spricht, auch von der deutschen Seele berichtet.

Krankes Haus (Wolfgang Becker)
Ärgerlichster Teil des Gesamtwerks, weil bisschen arg aufgetragene Skurilität. In einem heruntergekommenen Krankenhaus werden Staaten am Leben gehalten, geflickt, ruhig gestellt. Etwas bemühte Parallelitäten zwischen Gesundheitssystem und Staatssystem.

Séance (Christoph Hochhäusler)
Ausblick - die Deutschen auf der Mondsiedlung wissen durch Gehirnwäsche nicht mehr was "Deutschland" heisst. Ausser eine, die das Wort in den Mondsand schreibt. "Deutschland" wird für die Mondsiedler zu einem neuen Begriff der inneren Sehnsucht.
 




:::: gesehen am 13.2.2009 in der Urania

USA, 2008 - Regie: Richard Loncraine - Darsteller: Renée Zellweger, Kevin Bacon, Logan Lerman, Mark Rendall - Sektion: Wettbewerb



Humorvoller wie romantischer Roadmovie in den 1950ern übers Erwachsenwerden und die Freiheit der Unabhängigkeit. Renée Zellweger ertappt ihren Ehemann (einen Holadrio aus der Welt der Populärmusik) beim Ehebruch und schnappt sich ihre beiden Söhne, setzt sie in einen neuen, himmelblauen Cadillac und fährt mit ihnen von Stadt zu Stadt auf der Suche nach Bargeld und einem neuen Ehemann und Ernährer. Dabei lernen sie und ihre Söhne schließlich, dass sie den gesuchten "One and Only" gar nicht brauchen, weil sie gelernt haben, für sich selbst zu sorgen. Nicht uninteressant die unterschiedlichen Männer- und Vatertypen auf den unterschiedlichen Stationen. Nette Unterhaltung.
 




:::: gesehen am 13.2.2009 im Delphi

Deutschland, 2009 - Regie: Hans-Christian Schmid - Sektion: Forum



Hans-Christian Schmid folgt in seinem neuestem Film dem Weg der schmutzigen Wäsche Berliner Nobelhotels und gibt einen Einblick in die Familien und Lebensverhältnisse der Waschfrauen in Polen. Solide Dokumentation, Kamera dicht dran am Dargestellten. Keine platte Zur-Schau-Stellung, keine übertriebene Wertung. "Die wundersame Welt der Waschkraft" zeigt Frauen und ihre Familien, die inmitten globalisierter Arbeitsverhältnisse und tagtäglicher Schufterei für ihr persönliches Stückchen Glück kämpfen.

Während des Film oft auf mich selbst zurückgeworfen gefühlt: Meine Glückssuche, meine Wünsche an Arbeit, ...
 




:::: gesehen am 13.2.2009 in der Urania

Griechenland, Italien, Deutschland, Russische Föderation, 2008 - Regie: Theo Angelopoulos - Darsteller: Willem Dafoe, Bruno Ganz, Michel Piccoli, Irene Jacob - Sektion: Wettbewerb (außer Konkurrenz)



Obwohl es selbstverständlich klar ist, dass man für Theo Angelopoulos ausgeschlafen sein muss, bin ich in den ersten 10 Minuten des Films eingedöst und erst im letzten Viertel, oder so, wieder aufgewacht. Es ist eines dieser immer wieder offenbaren Probleme der alten Herren des europäischen Autorenkinos, dass ihre Filme im Alter gerne arg kopflastig, artifiziell und gern selbstreferenziell werden. Das war alles so gekünstelt, das Schauspiel so steif, theaterhaft, große Geste. Sicherlich Superfilm, wenn man Angelopoulos-Fan ist, auch schön vernebelt immer wieder, aber echt wohl mal gar nichts für mich zu diesem Zeitpunkt.

Auch recht viel gewollt, alleine schon der Inhalt:
Im zweiten Teil des historischen Panoramas von Theo Angelopoulos macht sich A., ein Filmregisseur um die 50, an die Verfilmung des Lebens seiner Eltern Spyros und Eleni. Auf die Liebesgeschichte der beiden griechischen Emigranten haben die historischen Ereignisse immer wieder Einfluss genommen: Im Zweiten Weltkrieg voneinander getrennt, emigrierte Spyros in die USA, Eleni verschlug es infolge des Bürgerkriegs in Griechenland zusammen mit anderen politischen Exilanten in die Sowjetunion. Der Vietnamkrieg wiederum zwang A., nach Kanada zu fliehen, während der Fall der Berliner Mauer den Anfang einer neuen Ära in seinem Leben markierte.
Beide Zeitebenen sind im Film vielfach miteinander verwoben: Nach Stalins Tod reist Spyros unter falschem Namen heimlich nach Taschkent, doch er wird enttarnt, Eleni nach Sibirien verbannt. Dort trifft sie Jacob wieder, einen deutschen Juden aus Taschkent, der ihr bis 1974 – ihrer Ausreise nach New York – treu zur Seite steht. Jacob folgt ihr sogar nach Toronto, wo sie sich mit A. trifft, den Eleni einst von Jacobs Schwester aus Sibirien zu Spyros in die USA schmuggeln ließ.
Jahre später besuchen Eleni und Spyros, die sich zur Rückkehr in ihre Heimat Griechenland entschlossen haben, A. in Berlin, wo dieser inzwischen lebt – genau wie Jacob. Gemeinsam feiert man Silvester. Doch als A.s Tochter Eleni einen Selbstmordversuch unternimmt, von dem erst die Großmutter ihre Enkelin abbringen kann, nimmt der Abend einen fatalen Verlauf … (aus Berlinale Programm)

 




:::: gesehen am 12.2.2009 im Cinestar

USA, 1990-92 - Regie: Ron Fricke - Sektion: Retrospektive



Bildgewaltige, meditative Dokumentation auf 70mm-Format über den Planeten, die Natur, Zivilisation und Kultur. Für meinen Geschmack etwas zu nah am Ethnokitsch, die Idee abgekupfert von "Koyaanisqatsi", aber trotzdem sehr beeindruckend die Landschaftsaufnahmen auf der großen Leinwand. Filmhistorisch quasi die Avantgarde der Dinger, die heutzutage im IMAX laufen.

Den Film gibt es komplett hier auf GoogleVideo, allerdings in falschem Seitenverhältnis und naja, eben nicht als 70mm Filmkopie auf 30 Meter Leinwand. (via textundblog)
 




:::: gesehen am 12.2.2009 im Zoo Palast

Deutschland, Österreich, USA, 2008 - Regie: Marcus Mittermeier, Jan Henrik Stahlberg - Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Marcus Mittermeier, Christoph Kottenkamp, Marta McGonagle, Allison Findlater-Galinsky, Asli Bayram - Sektion: Panorama Special



Drei Berliner Jungs, beinahe 40, machen sich kurzerhand auf den Weg nach Amerika, mit dem Ziel einen Film zu drehen und einen von ihnen berühmt zu machen. Das soll mit einer genialen Idee klappen: Das TV-Publikum ist live dabei, wie John Salinger vor Kameras stirbt. Erst der Finger, dann der Arm, dann das Bein, schließlich der Tod. Persifliert werden die Träume vom Starsein, die billigen Mittel, mit denen das TV nach "Superstars" sucht. Wie weit wird gegangen, für den Ruhm. Supergute Filmidee, böse Mediensatire, in der Dramaturgie und im Schnitt aber leider etwas schleppend umgesetzt.
 




:::: gesehen am 12.2.2009 im Delphi

USA, 2009 - Regie: Bradley Rust Gray - Darsteller: Zoe Kazan, Mark Rendall, Maryann Urbano - Sektion: Forum



Eine Liebesgeschichte und ein Film über Freundschaft. Eine junge Studentin kommt über die Ferien zurück nach Hause. Sommer in New York, ihr alter Freund aus Kindertagen ist auch in der Stadt. Man hängt ab oder streift durch die Stadt. Ihre tatsächliche Beziehung führt die Studentin übers Handy. Doch dauernd scheint die Verbindung gestört, bis ihr gesagt wird, dass es besser wäre, wenn sie sich nicht mehr sähen. Und dann wird aus der alten Freundschaft aus Kindertagen doch noch ganz zärtliche, vorsichtige Liebe. Tausend mal berührt ... unprätentiös und mit Poesie.
 




:::: gesehen am 12.2.2009 im Delphi

Niederlande, 2008 - Regie: Eugenie Jansen - Darsteller: Dicky Kilian, Willy Soeurt, Peter Verberk, Ellie Teeuw, Tarek Hannoudi, Ralph Huppertz, Manfred Huppertz, Joshy Huppertz, Freddy Kenton, Evelyne Bouglione, Timo Soeurt - Sektion: Forum



Spielfilm mit dokumentarischen Mitteln über eine junge Frau, die nach dem Tod ihrer Schwester, deren Rolle in einem Wanderzirkus übernimmt. Zusammen mit dem Messerwerfer und Zauberer Willy lebt sie in einem Wohnwagen und zieht dessen kleinen Sohn groß. Die Filmemacherin Eugenie Jansen hat einen Sommer lang den Zirkus auf seiner Tournee entlang der deutsch-niederländischen Grenze begleitet. Neben der Spielhandlung um die junge Frau wird gleichzeitig das Zirkusleben dokumentiert. Auch wenn die Zirkusartisten Rollen spielen, die Handlung erfunden ist, bringen die Harlekino-Mitarbeiter doch ihre Lebenswirklichkeit mit auf die Leinwand. Diese vorgefundene Welt des Zirkuslebens stilisiert die Regisseurin zu großen Bildpanoramen, die den fließenden Übergang von Realität und Fiktion erzählen.
 






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