Deutschland 2009 - Regie: Jochen Hick - Darsteller: Tom Weise, Keith Richmond, Freddie Spells, Vin Nolan; Alex Baresi - Sektion: Panorama Dokumente
Jochen Hicks neuer Dokumentarfilm porträtiert Tom Weise, einen der Schöpfer des „HustlaBalls“, einer Veranstaltung, die ursprünglich angetreten war, die Akzeptanz von männlichen Prostituierten zu stärken, aber auch die Webseite rentboy.com promotet. Auch hier besteht die Gefahr eines Films, der lediglich Legendenbildung betreibt. Aber Jochen Hick schafft es, den Blick auch von Tom Weise weg auf das Gesamtbild einer marginalisierten Szene zu richten.
Zum Inhalt:
Mit den Eltern völlig entzweit und ohne Kontakt, geht der ehemalige Student der Politischen Wissenschaften Anfang der 90er Jahre nach New York. Als HIV-Positiver kann er nur illegal in den USA leben, laut Gesetz dürfte er dieses Land nicht einmal besuchen. In New York schlägt sich Tom Weise zunächst mehr schlecht als recht als Escort durch. Er verdient kein Geld, wird obdachlos. Schließlich hilft er Jeffrey Davids, die Internetseite rentboy.com aufzubauen, die zehn Jahre später die größte Internetseite für Escort wird. Gesundheitliche Komplikationen, Einsamkeit und Drogenexzesse quälen Tom zunehmend, bis er 2006 endlich einen Lebenspartner findet. Er beschließt, mit dem Afroamerikaner Keith nach Berlin zu gehen und Deutschland nach 15 Jahren erstmals wieder zu betreten. Wenige Tage danach findet der Berliner „HustlaBall“ statt.
Japan 2008 - Regie: Ichii Masahide - Darsteller: Moriya Ayako, Konno Sanae, Nishimoto Ryuki, Nakamura Kuniaki, Kakinuma Naoko, Kumanomido Aya, Asama Yuki, Ichii Hayata - Sektion: Forum
Nach einer traumatischen Fehlgeburt leidet die junge Ritsuko unter Depressionen. Sie arbeitet in einer kleinen Fabrik für Plastikteile. Wie die Maschinen auf ihrer Arbeit, erledigt sie ihren Job und ihre Ehe. Mit ihrem Mann hat sie sich nichts mehr zu sagen. Doch dann freundet sie sich mit der hochschwangeren, neuen Kollegin an.
Entweder ist junges, japanisches Realkino flippig-poppunkig, oder post-splatter-ironisch, oder man versucht in langen, andauernden Einstellungen bedeutungsvolles Kunstkino zu schaffen. "Mubobi" ist auf DV gedreht und hat lange, ruhige Einstellungen. Der erste Eindruck entspricht eher dem einer Videoinstallation. Im Angesicht einer etwas verwackelten Exposition eines kargen Landschaftspanoramas mit langem Zoom auf eine kleine Fabrik möchte man beinahe, sofort wieder aufstehen und das Kino verlassen, doch dann hält einen der Rhythmus der automatisierten Fabrikmaschinen und eine merkwürdige Sterilität in den Gesichtern der Arbeiter doch im Kino. Es bleibt über den gesamten Film alles sehr steril und aufgeräumt. Bis zum Ende, das im Verhältnis zum restlichen Film geradezu in einer befreienden Ekstase an Dreck und Blut einer Geburt mündet. Kein Film, den ich explizit empfehlen würde, aber auch nicht vollkommen uninteressant. Nebenbei hat der Filmemacher mit diesem experimentellen Spielfilm auch die Geburt seines eigenen Kindes dokumentiert.
Die Filmkritikerin Anke Leweke zum Film im Programmheft:
Ichii Masahides ruhige Einstellungen lassen den Zuschauer an der Trauer seiner verstummten Heldin teilhaben. Konsequent begibt sich der japanische Regisseur in einen Alltag, der sich auf mechanisch ausgeführte Bewegungen und Gänge reduziert hat. Während die monoton verrichteten Gesten im Haushalt von der Erstarrung einer Ehe erzählen, scheint die Gleichmäßigkeit der Fabrikarbeit Ritsuko Halt und Zuflucht zu geben. Auch die grüne, sanfte Landschaft rund um das in der nordjapanischen Region Hokuriku gelegene Fabrikgebäude hat etwas Tröstliches. Als Ritsuko die neue Kollegin Chinatsu einarbeiten muss, gerät ihr fragiler Lebensrhythmus aus dem Takt - nach einer falschen Bewegung steht das Fließband plötzlich still. Die schwangere Frau ist zum Spiegelbild für all das geworden, was Ritsuko einst verlor. Ichiis Film wird zu einem Psychothriller, der seine Spannung aus der Frage zieht, ob sich Ritsuko dem Spiegelbild stellen kann oder es zerstören muss.
Deutschland 2008 - Regie: Andreas Dresen - Darsteller: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi Kühnert - Sektion: German Cinema
Zwischendurch kommt man ja auf der Berlinale auch dazu, Filme nachzuholen, die man im letzten Jahr verpasst hat. Bin ganz froh, Andreas Dresens Film über Liebe im Alter noch gesehen zu haben. Der Film lebt von seinen Schauspielern und versprüht scheinbar ohne viel Mühe eine sehr intensive, spätsommerliche Atmosphäre der reifen Sexualität. Dreißig Jahre relativ glücklich verheiratet verliebt sich die knapp 70-jährige Inge vollkommen unerwartet in den bald 80-jährigen Karl. Es ist Leidenschaft. Es ist Sex. Und dass ihr so etwas in ihrem routiniertem Leben noch einmal passiert, hätte sie nicht gedacht. Die Sehnsucht ist stärker als die Vernunft. Auch wenn sie ihren Mann Werner immer noch liebt. Keine Überhöhung, sondern Realismus mit ganz normalen Menschen mit ihren Makeln und Macken, und im Hintergrund das Geräusch der vorbeifahrenden S-Bahn. Dresen zeichnet die Figuren mit viel Liebe, Konsequenz und so etwas wie Hoffnung für das Alter.
Deutschland 2009 - Regie: Ina Weisse - Darsteller: Matthias Schweighöfer, Josef Bierbichler, Sandra Hüllerm, Sophie Rois - Sektion: German Cinema
Ein ehrlicher Heimatfilm. Der Architekt hat seinem oberbayerischen Heimtadorf schon lange den Rücken gekehrt und ist nun gezwungen, zur Beerdigung seiner Mutter wieder zurück zu kommen. Seine Frau und seine beiden Kinder kommen mit. Über die vielen Jahre hat das Dorf etwas bewahrt, dem die Familie nun gewahr wird: das geheimnisumwitterte Vorleben ihres Familienpatriarchen. Im Dorf trifft der Architekt eine frühere Liebesaffäre wieder, die dort alleinerziehend mit ihrem inzwischen 18-jährigem Sohn lebt. Am liebsten möchte der Architekt so schnell wie möglich vor seiner Vergangenheit fliehen, doch eine Lawine verhindert die schnelle Abfahrt, sodass sich der Architekt sich konfrontieren muss und die Familienfassade bröckelt. Beindruckend solider und durchweg spannender Debütfilm von Ina Weisse, die damit das Drama einer Familie erzählt, die durch Verdrängung, Angst, Schuld und Selbstbetrug zerfällt. Schöne Kamera und gutes Schauspiel auch. Ich mag Heimatfilme, wo Sophie Rois mitspielt.
USA 2009 - Regie: Andrew Bujalski - Darsteller: Maggie Hatcher, Tilly Hatcher - Sektion: Forum
Die querschnittsgelähmte Jeannie und Amanda besitzen einen Secondhand-Laden. Jedoch glaubt Jeannie, dass Amanda eine Klage gegen sie anstrebt und sucht deshalb Rat bei ihrem Exfreund und Jurastudent Merrill. Jeannie's Zwillingsschwester - beide leben zusammen - ist auf der Suche nach einem Job. Das eigentliche Drama, der Gerichtsprozess, findet eigentlich nicht statt. Der Film fokussiert sich auf all die zähen Entscheidungen davor: Klagen? Sex mit Ex? Stop oder Go? Frühstück oder nicht? Bujalskis dritter Film zeigt Tweens in ihrem Alltag beim Abschied von der Unverbindlichkeit. Dabei strahlen die Laiendarsteller eine Lebendigkeit aus und improvisieren ihre Dialoge voller Wortwitz entlang eines Drehbuchs. Das ist also diese filmische Richtung "Mumblecore" der gelungenen Sorte gewesen. Ein sehr feinfühliger, vorsichtiger Film. Vorsichtig mit seiner Handlung, feinfühlig mit der Darstellung seiner Charaktere, mit liebevoller Kamera und allem. Dabei aber nicht überemotionalisierend, sondern wie die Kollegin just twitterte: "leichthändig dirigierter alltag, tolle farben, tolle dialoge."
USA 2009 - Regie: Nicole Haeusser - Darsteller: Joe Dallesandro - Sektion: Panorama Dokumente
Dokumentation über Joe Dallesandro, die männliche Sex-Ikone in Andy Warhols Factory und Star etlicher Paul Morrissey-Filme. Joe Dallesandro wird dieses Jahr 60 Jahre alt und seine Tochter hat diesen Film über sein bisheriges schauspielerisches Schaffen produziert. Natürlich wird hier eine lebende Legende ins rechte Licht gerückt. Man kann dem Film vorwerfen, dass nicht auch andere Stimmen außer Joe Dallesandro zu Wort kommen, ebenso wie der Film bestimmte Metaebenen auslässt, die spannend gewesen - etwa das Thema der Darstellung von männlicher Sexualität im amerikanischem Kino, mit der Joe Dallesandro schließlich durch Tabubrüche erst berühmt geworden ist. Und man kann dem Film eine äußerst schlechte Tonmischung vorwerfen. Insgesamt habe ich mich aber nicht gelangweilt, auch wenn nicht wirklich viel neue Erkenntnisse über die Mechanismen der Factory oder der Filmindustrie selber dazu kamen. Es soll ja im Kern auch um Joe Dallesandro gehen. Von dem bekommt man den Eindruck eines zunächst etwas naiven New Yorker Jungen, der trotz Rückschläge sich aber immer wieder aufrappelt und so etwas wie ein amerikanischer Held wird, a Self-Made-Man. Viele Probleme in Joe Dallesandro Leben werden ausgeklammert oder nur äusserst beiläufig gestreift. Bisschen wenig, für eine rundum gelungene Biographie. Aber gut, Legendenbildung eben.
Frankreich, Italien 2009 - Regie: François Ozon - Darsteller: Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance, Arthur Peyret - Sektion: Wettbewerb
Bei François Ozon spalten sich gern die Geister. So auch bei diesem Film. Mich erstaunt immer wieder, wenn es ein Film schafft, vereinzelte Buh-Rufe im Publikum auszulösen. Ganz so schlecht ist der Film aber nicht, vielmehr ist er durchgängig stringent und spannend erzählt, wenn auch das Ende nicht aus den Vollen schöpft und einen zunächst etwas alleine lässt.
Von der Handlung darf man nicht zu viel vorwegnehmen: Katie, eine gewöhnliche Fabrikarbeiterin und allein erziehende Mutter lernt auf ihrer Arbeit Paco kennen, mit dem sie ein außergewöhnliches Baby zeugt. Der Film basiert auf einer Geschichte der britischen Autorin Rose Tremain und François Ozon schreibt dazu:
„Die Erzählung ist sehr kurz und erinnerte mich von ihrer Stimmung her an ROSETTA, den Film der Brüder Dardenne. Die Protagonisten sind arme, unterprivilegierte Weiße, die in einer amerikanischen Wohnwagensiedlung leben. Wegen dieses Hintergrundes war ich mir zunächst nicht sicher, wie ich mich der Handlung nähern, sie zu meiner eigenen machen sollte. Und obwohl mir die Vorstellung gefiel, wie ein außergewöhnliches und erstaunliches Ereignis die ansonsten ganz hoffnungslose Existenz der Charaktere durcheinanderbringt, machte mir das fantastische Element auch Angst. Aber dann wurde mir klar, dass es nicht so sehr der Fantasy-Aspekt der Geschichte war, der mich berührte, sondern die Art und Weise, in der sie von Familie handelt, von unserem Platz in ihr, und wie ein neues Mitglied, sei es ein neuer Partner oder ein Kind, die ganze Balance durcheinanderbringen kann. Rose Tremains Texte besitzen eine Ironie, die meiner entspricht, und die wollte ich im Film bewahren. Wenn die Geschichte zu bizarr und unwirklich wird, kommen humorvolle und distanzierende Elemente hinein, die die Spannung abbauen und die Sache zum Laufen bringen.“
Was etwas irritiert an dem Film ist die Behandlung des zugrunde liegenden Themas der Mütterlichkeit, bzw. was Ozon zu diesem Thema am Ende des Film zu sagen hat. Ist die Mutter im Film durchgängig als recht selbstbewusster, durchsetzungsstarker und auch humorvoller Mensch inszeniert, kippt das am Ende. Dann stellt Ozon eine ziemlich überhöhte, fast mystisch wirkende Mutter im Einklang mit ihrer natürlichen Funktion als Mutter dar. Das ist eine sehr reaktionäre Reduktion von Weiblichkeit, die ihm sicher aus dem alten Feminismus-Lager eher übel genommen wird. Innerhalb der fantastischen Filmhandlung ist es aber wiederum ein legitimes Ende und funktionierendes Mittel, um diese vorherige, starke Pendeln zwischen Sozialrealismus und fantastischem Un-Realismus wieder zum Ruhen zu bekommen.
Großbritannien 2008 - Regie: Alexis Dos Santos - Darsteller: Déborah François, Fernando Tielve, Michiel Huisman, Iddo Goldberg, Richard Lintern - Sektion: Generation 14plus
Ein Film über Liebe und Vergangenheit. Der 20-jährige Axl will in London seinen Vater finden, den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hat. Axl findet heraus, dass sein Vater Wohnungsmakler ist und inzwischen eine neue Familie hat. Er entschließt sich kurzerhand als wohnungssuchender Student auszugeben, um seinen Vater etwas näher kennen zu lernen. Für Axl beginnt eine gedankliche Reise in die Vergangenheit, anhand derer er in der Gegenwart reift. In dem besetzen Haus, in dem Axl wohnt, lebt auch Vera. Ihre Vergangenheit, ihren Liebeskummer will Vera am liebsten vergessen. Sie stürzt sich in eine anonyme Affäre mit einem Fremden, was aber zu einem Problem wird, als sie sich in den Mann verliebt.
Ein Junge sucht seinen Vater, ein Mädchen sucht die Liebe. Dazu Britpop und romantisch-schöne Bilder. Das war hübsch anzusehen. Bin in den Film gegangen, aufgrund einer Empfehlung, die jemand getwittert hatte. Ist ein schöner Jugendfilm, aber ich hatte wohl nach der Empfehlung etwas mehr erwartet.
Österreich 1976 - Regie: John Cook - Darsteller: John Cook, Helmut Boselmann, Eva Grimm, Hilde Pilz, Michael Pilz - Sektion: Forum
Ein Tagebuchfilm aus der Wiener Bohème von 1976. Der Modefotograf John (John Cook) ist von seiner Freundin verlassen worden und will den mit ihr begonnenen Film nun mit Freunden zu Ende bringen. So beginnen er und sein bester Freund die entstandenen Super8-Aufnahmen gemeinsam anzusehen. Im Off kommentieren sie die filmischen Fragmente. Das unterfangen, den Film zu Ende zu bringen gestaltet sich jedoch nicht allzu leicht, schlagen einem doch das Leben, die Arbeit, das Bier, einfach der gesamte Sommer ins Ruder. Ein langsamer Sommer in der Stadt mit Ausflügen aufs Land, Affären, Beziehungen, Freundschaften, Neben- und Hauptsachen, deren Gewichtungen sich verschieben.
Das schöne an diesem Film ist seine fußgängerische Ausstrahlung. Entstanden in einer Zeit, in der man mit Freunden noch nicht immer nur kontinuierlich konsumiert hat, wenn man sich traf, sondern vor allem auch viel Zeit mit gemeinsamen Schlendrian, Chillen oder Abhängen verbracht hat, vermittelt der Filme eine Form von Müßiggang, die der heutigen Digitalen Bohème vielleicht etwas verloren gegangen ist. Die Wertschätzung der vergehenden Zeit und die Schaffung von Kreativität aus sich selbst heraus. Eine ähnliche Stimmung vermitteln etwa auch Werke der Münchener Filmleute aus der selben Zeit.
Der Berlinale-Text zum Film fasst es sehr schön zusammen:
Cooks erster abendfüllender, teils autobiografischer Film besitzt mit seiner lässigen Unaufdringlichkeit einen Tonfall zwischen erfindendem und dokumentierendem Blick, der an die Filme von Jean Eustache erinnert. Ganz gelassen erfasst Cook die Präsenz der vorübergehenden Zustände, den trägen Sommer in der Stadt, die ziellos streunenden Freunde. In seiner simplen „privaten“ Form präzisiert Langsamer Sommer eine filmisch-erzählerische Haltung, deren Melancholie dem Vergangenen nie das Beiläufige und Wunderbare seiner einstigen Erscheinung nimmt. (Quelle: Berlinale Programm)
Ich möchte mich ein wenig ironisch distanzieren von diesem Artikel auf dw-world.de von Daniel Müller, der der Meinung ist, diese Filmbesprechung von mir sei belanglos. Ein solcher Artikel über Weblogs, die von der Berlinale berichten, ist belanglos schlecht recherchiert, wenn er bloß drei Blogs nennt. Ich finde es etwas mühsam, hier den Diskurs Journalismus vs. Weblogs zu eröffnen, und ich finde der Kollege von dw-world.de reitet da auch auf einem ziemlich abgehalftertem Pferd, wenn er den eigenen Lesern im Jahre 2009 immer noch den Unterschied zwischen Weblogs und sogenannten Qualitätsmedien erklären möchte. Ich persönlich würde mich da als Leser nicht ganz ernst genommen fühlen.
Zum Glück haben Sie hier die Möglichkeit, keinen professionellen Journalisten bei der Arbeit mitlesen zu müssen, sondern dürfen sich an reiner Subjektivität freuen, mit der ich in meinem Filmtagebuch Eindrücke von Filmen festhalte. Das passiert gern auch mal flüchtig um 3:10 morgens und kann sich dann etwas flapsig anhören, das möge man verzeihen, das ist der Sinn der Sache.
Wo wir aber gerade beim Thema Qualitätsjournalismus sind. Urheberrechtlich ganz lupenrein ist es meiner Meinung übrigens nicht, dass die Deutsche Welle auf ihrem Twitter-Stream zur Berlinale alles unter ihrem Markennamen veröffentlicht, was in der Nähe von 15 Kilometern rund um die Berlinale das Wort "Berlinale" twittert. Da sollte doch zumindest eine Art Einverständniserklärung von diesen twitternden Berichterstattern eingeholt werden. Wird es aber nicht. Ich denke, ich frag da mal an, ob ich der Deutschen Welle meine diesbezüglichen Tweets in Rechnung stellen darf.
USA 2009 - Regie: Matthew Hysell - Darsteller: Najarra Townsend, Cory Knauf - Sektion: Forum
Jim und Marin begegnen sich in einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche in Los Angeles. Jim flieht aus der Anstalt. Marins Suche unter der in seiner Patientenakte angegebenen Adresse führt sie zunächst zu dessen angeblichen Brüdern. Jim findet sie in einem leer stehenden Motel wieder. Gemeinsam ziehen Marin und Jim in einer verwaist wirkenden Stadtlandschaft von einem verlassenen Gebäude zum nächsten. Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit. Oder auf der Flucht vor ihr. Ein Film über Verdrängung und Erinnerung, Vergangenheit und mögliche Neuanfänge, über Identität und die Suche von jugendlichen Außenseitern nach ihrem Platz. Atmosphärisch in Szene gesetzt wie ein Tagtraum: das eigentümliche Rauschen, das nicht allein den Verkehr der Schnellstraßen wiedergibt, eine Kamera, die sich die Zeit nimmt, sich für einen Vogel zu interessieren, oder für Baumkronen im Gegenlicht.
Ich hab meine Probleme mit dem Film, denn das sah mir doch zunächst alles noch zu sehr nach Filmseminar aus. Okay, ist halt aktueller amerikanischer Independentfilm, da ist das ja gern etwas ungeschliffen alles noch. Das Oszillieren zwischen unterschiedlichen Realitäten und Wahrnehmungsebenen mag man als gelungen bezeichnen. Kann aber auch versehentlich Ergebnis von zu viel atmosphärischem Gewurschtel in Kamera und Schnitt sein. Bin mir nicht sicher, das Gespräch mit dem Filmemacher im Anschluss hatte durchaus die Tiefe und Reflexion, die ich oft bei jungen Filmemachern misse, die solche Themen auf diese Art und Weise behandeln. Kann also sein, dass das durchaus alles Hand und Fuß hatte. Kann aber auch sein, dass das nur sehr gut gequirlter Quark war. Wie gesagt, bin mir nicht ganz einig: einerseits gut und interessant genug, um nicht genervt zu sein, andererseits aber auch - hmhm - eine recht einfache Bildsprache und ein Schauspiel-Gezippel. Viele Einstellungen erinnerten mich an recht naive Fotos, die ich mit 17 Jahren gemacht habe. Der Hauptdarsteller, ach. Vielleicht muss man dafür aber auch einfach jung sein, auf emotionalem Identitätsfindungstrip mit sich und der Welt? Filme, die ich mit Anfang 20 gut fand, mit Anfang 30 noch mal zu sehen, hat ja auch so seine gewissen Erkenntnisse.
Norwegen 2008 - Regie: Rune Denstad Langlo - Darsteller: Anders Baasmo Christiansen, Marte Aunemo, Lars Olsen, Mads Sjogard Pettersen, Astrid Solhaug, Kyrre Hellum - Sektion: Panorama Special
Um es gleich vorne weg zu sagen: Sehr schöner, nordisch-melancholischer Film. Ich war zu Tränen gerührt.
Ein ehemaliger Skiläufer arbeitet nach einem Nervenzusammenbruch als Liftwärter. Ist natürlich nichts für ihn. Er ist frustriert und will da weg. Eines Morgens steht ein alter Freund vor seiner Tür und teilt ihm mit, dass er Vater eines Kindes ist, das im Norden des Landes lebt. Der frische Vater macht sich auf den langen Weg zu seinem Sohn, auf so einem Jetski-Schneemobil-Ding und einem fünf Liter Kanister Schnaps als einzigen Proviant. Unterwegs trifft er auf unterschiedliche Leute, die ihn jeweils ein wenig in seine Realität zurückholen, denen er aber selber ebenso auf ihrem Weg hilft. Das ist alles sehr menschlich, aber nicht kitschig, sondern kühl, zurückgenommen, wortkarg und mit liebevollem Humor, wie man das von einem norwegischen Film erwartet. Es geht um das Reifen an einer Reise zur Familie. Wer etwas mit David Lynchs Rasenmäherfilm "The Straight Story" anfangen konnte, wird auch diesen Film mögen.
USA 2009 - Regie: Mike Bonanno, Andy Bichlbaum, Kurt Engfehr - Sektion: Panorama Dokumente
"Doku über die Aktionen der Yes Men, einer Gruppe von Aktivisten, die sich mit satirischem Witz als Vertreter der Welthandlsorganisation WTO ausgeben und auf Konferenzen in der ganzen Welt auftreten, wo sie die Teilnehmer mit überraschenden Ansichten konfrontieren. Sehr witzig teilweise."
Das hab ich vor ziemlich genau fünf Jahren geschrieben, als ich den ersten Film "THE YES MEN" auf der Berlinale gesehen hatte. Filmisch und konzeptionell hat sich nicht viel getan in der Arbeit der Yes Men. Die geben sich immer noch als Repräsentaten von Firmen oder politischen Funktionsträgern aus und machen Schabernack. Trotzdem gut und sympathisch. Denn sie richten Schaden an und sind sozusagen Reallife-Haker. Ich finde die Schubladenlosigkeit interessant, ist es Kunstperformance, ist es Satire, ist es politischer Aktionismus ... Das kann man sich alles ganz gut ansehen auf die typische amerikanische Investigativ-Dokustilmachart. Aber richtig unter die Haut geht das auch nicht, ist halt Polemik.
Kurz noch der Text aus dem Berlinalekatalog, für jene, die bisschen mehr noch wissen möchten zum Film:
Sie ist wieder da, die Spaßguerilla, die nicht nur im World Wide Web regelmäßig ihre Spuren hinterlässt. Nachdem die „Yes Men“ in dem gleichnamigen Film, der 2004 in der Sektion Panorama der Berlinale präsentiert wurde, in einer waghalsigen Hochstapler-Aktion die Welthandelsorganisation WTO vorführten und da mit einen beträchtlichen Wirbel auslösten, haben sich die Politaktivisten in ein neues Undercoverabenteuer gestürzt. Die ganze Freiheit des freien Marktes ist diesmal ihr Thema, und Konzerne wie Exxon oder Halliburton sind ihre willigen Opfer. So perfekt ihre Maske als Vertreter dieser Big Player auch ist, so gnadenlos nutzen sie ihre Verkleidung, um das Netzwerk aus Lobbying, Kumpanei und schlichter Korruption kenntlich zu machen, mit dessen Hilfe hier die ganz großen Geschäfte eingefädelt werden. Im trauten Kreis drehen Bichlbaum, Bonanno und Engfehr kräftig auf, und ihre vermeintlichen Kollegen lassen sich in ihren Entgegnungen nicht lumpen. Dabei sind die Einwürfe der Fake-Manager bei diesen Meetings von krachender Einfalt. Ihre Statements sind entlarvende Parodien auf kaum vorstellbare Zustände in Vorstandsetagen und elitären Think Tanks. Am Ende schaffen es Bichlbaum, Bonanno und Engfehr unter an derem bis in einen trauten Kreis aus 1.000 Bauunternehmern, die mit dem Bürgermeister von New Orleans die Zukunft für die von Hurrikan „Katrina“ verwüsteten Stadtteile beraten. So unterhaltend wie in THE YES MEN FIX THE WORLD waren investigative Recherchen noch nie. Andy Bichlbaum: „Anwälte kämpfen vor Gericht, Gewerkschaftler in der Arbeitswelt, wir können eben das hier. Für eine Veränderung des Systems ist das, was wir tun, allerdings weit weniger wichtig als richtige politische Arbeit. Doch es ist immerhin etwas.“ (Quelle: Berlinalekatalog)
Bin erstes Mal genervt gewesen, heute von drängelnden wie ignoranten Provinz-Cineasten, die das Prinzip der Schlange und von Wartenummern nicht raffen und denken, sie seien das Zentrum der Welt. Drängeln könnt ihr in Euren eigenen Kinos, in Berlin verhaltet ihr euch bitte kollegial und weltoffen.
Schweden 2008 - Regie: Måns Månsson - Sektion: Forum
Dokumentation im grobkörnigen Schwarzweiss im Stile des Cinéma vérité über den Gouverneur der schwedischen Provinz Uppsala, Anders Björck. Filmisch plätschert das alles sehr belanglos vor sich hin, kopiert einen dokumentarischen Stil, ohne aber bildliche Tiefe zu entwickeln. Das Direct Cinema, oder Cinéma vérité oder wie auch sonst sich die dokumentarische Formen nennen, mit tragbaren, kleinen 16mm-Kameras die Welt filmisch zu entdecken, lebte davon, dass das Reale im zufälligen Moment ertappt wurde, dass die entfesselte Kamera "Wirklichkeit" neu definierte.
Hier werden aber zumeist lediglich recht statische Aufnahmen der symbolisch-representativen Politikarbeit eines alternden Politikers gezeigt, ohne dass aber an irgendeiner Oberfläche gekratzt wird. Es gibt einige gute, humorvolle Momente, aber der Backstage-Bereich des Profipolitikers, der mit Kameras umzugehen weiss und sich seiner Wirkung in jeglicher Situation bewusst ist, wird nicht betreten. Auch wurden einem im Programmheft des Forums raffinierten Ton-Montage versprochen. Nichts da, da hat jemand irgendwie nicht aufgepasst, von den Kollegen. Es ist eines der alltäglichsten Stilmittel, ein Bild mit einem im anderen Zusammenhang entstandenen Ton zu überlagern (wie hier etwa die vollkommen verrückte Montage der Tonaufnahme eines Radiointerviews mit dem Politiker, während er dabei im Flugzeug sitzend und lesend zu sehen ist. Crazy!)
Was mich aber doch interessiert hat an dem Film: Die Beobachtung der Arbeit von alternden Männern, sei es Mehdron, der Pabst oder hier jetzt dieser alte Schwede. Alles Leuten, die vermutlich E-Mails ausdrucken (lassen) und die ihre Arbeit handschriftlich, per Telefon und vor allem gemächlich eins nach dem anderen erledigen. Die Demokratie und ihr amtlicher Vertreter sehen in dieser Spielart ziemlich altmodisch aus – und mitunter auch komisch.
Frankreich 2008 - Regie: Rie Rasmussen - Darsteller: Rie Rasmussen, Nikola Djuricko, Nick Corey, Vojin Cetkovic, Hiam Abbass, Said Amadis - Sektion: Panorama
Zur Eröffnung der Berlinale gestern in diesem Panoramafilm gewesen, war ja auch noch nicht so viel Auswahl. Ich fand den Film recht packend, teilweise gut, teilweise etwas maneriert. Es wird die Geschichte um das Mädchen Adria erzählt. Sie ist halb Serbin, halb Albanerin. Zum einen spielt der Film in der Vergangenheit, zur Zeit der schlimmsten Kämpfe im damals noch unumstritten serbischen Kosovo, zum anderen in der Gegenwart in Marseille. In ihrer Gegenwart in Frankreich lebt die junge Frau als illegale Einwanderin. Sie lernt einen jungen Amerikaner kennen, merkwürdige Liebesgeschichte, sehr überhöhte Sehnsuchtsinszenierungen. Flashbacks lassen uns immer wieder zurück an ihre Vergangenheit teilhaben. Schreckliche Greueltaten im Krieg, Luftangriffe auf Belgrad und die europäische Unterwelt spielen darin ebenso eine Rolle wie spontanes Verlangen, aus dem sich echte Liebe entwickeln könnte.
Es geht um die Identität einer weiblichen Hauptfigur, deren Sehnsucht nach romantischer Liebe innerhalb eines Kriegsszenarios besteht. Als „ein Produkt imaginärer Grenzen sinnlos gewordener Staaten“ sucht Adria ihr seelisches Gleichgewicht – und ihre Identität als Mensch und Frau, während sie zugleich doch in einem von Gewalt geprägten, vorwiegend von Männern aufrechterhaltenen Zoo gefangengehalten und ausgebildet wird. Es ist nicht ihr Spiel – aber sie lernt es gut.
Insgesamt alles packend und recht sexy (manchmal bissle oversexed) in Szene gesetzt. Was zunächst etwas abschreckt ist eine sich durchziehende Überhöhung der Geschehnisse. Kein stilistischer Realismus, sondern die Bemühung, große Kinobilder zu bauen. Auch der junge Amerikaner scheint mir etwas zu excited verkörpert, genau wie die sehnsuchtsvoll bis lüsternen Blicke der Hauptfigur, die sich durch den ganzen Film ziehen. Aber solch kleinen äusserlichen Macken tun dem packenden Gesamteindruck dieses recht harschen Films keine Harm.
Ansonsten: Die zur Verfügung stehenden Taxis am Potsdamer Platz standen um halb drei noch bis zur Staatsbibliothek. Wird eine rauschende Eröffnung gewesen sein.
Kleiner Test, ob die Handyeinstellungen f?r mobiles Bloggen eigentlich noch passen. Sitze im Kino. Gleich beginnt mein erster Film auf der diesj?hrigen Berlinale. Bin mit etwas Charme noch reingelassen worden. Wird ein gutes Jahr. Schon zwei Bekannte eben im Foyer getroffen.
Ich habe mich entschlossen, ab heute (gastronomisch gesehen also gestern/vorgestern?) täglich ein Foto von mir zu posten. Das geschieht auf ipernity, flickr und selbstverständlich auf twitpic. Und wie aus Zauberhand wird das auch in diesem Blog landen, hält es doch alle das zusammen edit 6.2.09: Vielleicht auch nicht. Fühlt sich gerade komisch an, das auch hier ins Blog zu tunneln. Evtl. reichen auch die genannten Fotoplattformen für die Nabelschau. Mal sehen.
Die Idee, 365 Tage jeden Tag ein Foto von sich zu machen (und das online zustellen), ist natürlich nicht neu. Ich bin jetzt zu faul, da mal was für Euch zusammen zu googlen, man kennt das. Aber das ist so eine Sache, die macht man nicht mal eben einfach so. Muss man sich echt mal vornehmen. Und es hat mehr mit Nabelschau und Ich-Findung zu tun, als das ich es als Kunst bezeichnen würde, glaube ich. Ganz unreflektiert soll das allerdings nicht passieren (wie könnte es bei mir auch anders sein). Weiter unten versuche ich mir auch noch darüber ein wenig klar zu werden, warum ich so'n Quatsch mache.
Zunächst aber ein kleines Reglement (denn das muss ja alles geregelt sein!)
1. Zeitpunkt der Aufnahme:
Meine spontane Idee gestern ging davon aus, dass jede Nacht um 2h ein neues Foto von mir zu sehen sei, 365 Tage lang. Vollkommen unklar also, wann das "neue Foto" entsteht. Am Tag irgendwann oder direkt kurz vor dem Posting? Verlockend wäre ja live. Aber ich hab heute hin und her überlegt und bin da zu keiner Lösung gekommen. Manchmal gibt es mich auch nicht um 2h Nachts. Schön wäre, einen immer gleichen Zeitpunkt zu finden für diese Serie. Damit das auch seriös wird und nicht nur so kreatives Rumgedaddel. Andererseits sitz man ja auch immer viel am Computer und naja, immer nur Vorm-Computer-Rumsitz-Bilder? Ich denke, man wird sehen. Das Foto sollte von dem Tag sein, den ich mit dem Posting sozusagen abschließe. Im Idealfall sollte das Foto zeitnah zum Posting sein, muss aber nicht, wenn ich denke, das sei langweilig und ein Bild von 16:34h wäre z.B. viel interessanter. Es wird aber meistens Nachts sein, oder man wird sehen (siehe dazu auch Punkt 2)
2. Zeitpunkt des Postings
Immer um 2 Uhr wird wohl ziemlich unrealistisch sein. Daher möchte ich versuchen, das als Zeitspanne zu verstehen. Sagen wir mal zwischen 0h und 3h. Im Idealfall so ungefähr 2h. Oder 1h. Um die Uhrzeit verstopft man mit solchem Quatsch auch keine wertvollen Datenleitungen (die andere tagsüber vielleicht benötigen, um die Welt zu retten oder zu erobern) und das ist für mich persönlich eine okay Zeit, wo ich meistens den Tag abschließe, oder sonst auch irgendwie noch unterwegs bin und es noch hinbekomme, aus irgendeiner Bar oder sonstwie was ins Internet zu tun. Und ich glaube an die Wahrheit der Nacht! Falls aus unerfindlichen Gründen das alles mal nicht zwischen 0h und 3h stattfinden kann, dann bin ich entweder tot, hab keinen Bock mehr drauf, oder es wird dann irgendwann im Laufe des folgenden Tages oder so (zwingend mit Begründung) nachgeholt.
3. Kamera
Alles, was halt gerade zur Hand ist.
4. Serialität
Es gibt diesen Film - Smoke - wo Harvey Keitel jeden Tag ein Foto aus seinem Tabakladen macht. Das fand ich seitdem immer interessant. Das alltägliche in Serie, die Aneinanderreihung von scheinbar Belanglosem. Serielle Fotographie überhaupt, ein ganz toller Spielplatz. Ich bin aber nicht konsequent genug, immer zur selben Tageszeit, den selben Bildausschnitt von irgendwas zu fotografieren. Kann sein, dass ich das mal über eine gewisse Zeit während der 365 Tage probiere, man wird sehen. Es gibt in der empirischen Soziologie zwei Weltbilder: Quantität und Qualität. Ich glaube eher an letzteres.
Warum? Warum ich?
Frag ich mich momentan auch noch. Hat aber unklare Gründe:
# Gestern ist unsere Tochter ein Jahr alt geworden. Das letzte Jahr scheint mir sehr, sehr schnell vergangen zu sein. Vielleicht ist dies 365-Tage-Ding nur ein verzweifelter Versuch, die Zeit zu fangen, den emotionalen Zeitpunkt, bis sie 18 ist und auszieht, heraus zu zögern. Vielleicht lebt man mit so einem täglichen Bild etwas bewusster? Vielleicht ist man aber nur der Erinnerung verfallen und kann die Gegenwart nicht leben? Ist jeder Tag wert, erinnert zu werden? Ist man zu vergesslich?
# Viele Leute schreiben Dinge ins Internet. Viele Leute fotografieren sich und stellen das ins Internet. Das hat immer mit einer Form von Ich-Findung zu tun. Mit fällt das mit der Veröffentlichung von eigenen Bildern bislang noch sehr schwer. Ich sehe mich nicht gern auf Fotographien. Mein geistiges Bild von mir entspricht nicht dem, was da abgebildet wird. Dies Projekt könnte ein Versuch sein, sich der eigenen Bildwirkung bewusster zu werden.
# Ich bin da auf so ein Weblog gestoßen, mit merkwürdigen Porträts: Sexy People - a celebration of the perfect portrait. Vielleicht findet sich ja in den 365 Tagen auch von mir zufällig das perfekte Porträt. Kann ja sein. Für Bewerbungen und so Internet-Dings.
# Wo jetzt die beiden zur Zeit wichtigsten Player mit Computer und Internet und so (Google & Apple) Gesichtserkennungs-Dings in ihre Software eingebaut haben, muss man als pflichtbewusster Netizen die Maschinerie natürlich mit verwertbaren Material füttern. Meine Bilder gehören mir. Es wird sich über die kommenden Jahre nicht vermeiden lassen, dass Bilder von einem im Internet oder in Überwachungsnetzen kursieren. Daran wird man sich gewöhnen müssen. Man kann aber den Strom des Bildmaterials kontrollieren. Ich habe lieber von mir selber in Szene gesetzte Bilder im Internet, als irgendwelche Partyfotos auf Facebook, die ich nicht authorisiert habe. Ebenso scheint mir es eine gute Taktik gegen Überwachung zu sein, ein Rauschen zu produzieren. Denn wenn sofort genug Material über einen zu finden ist, dann kann der Herr Spion sich schnell sein Dossier zusammen copy&pasten und sich dann seinen Hobbies widmen. Anders, wenn nichts über einen zu finden wäre, das erst weckt den Schnüfflergeist. Nur so eine Vermutung von mir.
# Das Altern. In der bildlichen Serie wird vielleicht im Zeitraffer etwas sichtbar, was man sonst missen würde?
# hier füge ich vielleicht später noch Gründe nach.
Nur kurz. Staune gerade, was für eine Welle falsche Kriesen-PR mal wieder auslöst und wie schlank sich die Bahn da machen wird müssen, um da noch mit überhaupt einem Image wieder raus zu kommen. Bin gespannt wie die Abmahnung von netzpolitik.org ausgeht (und drücke natürlich Markus die Daumen).
Eben noch etwas zurückgeblättert in meinem iPhoto und auf eine Notizaufnahme vom 14.8.2004 gestoßen, die ich in einem Züricher Buchladen geknipst hatte, weil ich da einen Bildband von Andrew Phelps in der Hand hielt und mir aus dem Impressum seine Internetadresse raus fotografierte, um später noch mal zu schauen, was der sonst so macht. Jetzt ist nun also doch endlich später: andrew-phelps.com
Vor einem Jahr wurdest du da hinten rechts auf der anderen Seite des Ufers geboren. Wir sind glücklich, dass es dich gibt, dass du so liebenswürdig, lebhaft und gesund bist. Die Leute im Bus lächeln dich jetzt nicht mehr von alleine an. Du bist jetzt schon Kleinkind, nicht mehr Wurm. Das Leben als sozial-familäre Gemeinschaft hat weniger Änderungen mit sich gebracht, als ich befürchtet hatte. Gewisse Einschränkungen würde ich eher qualitativ als Konzentration bezeichnen.
Heute hauptsächlich die Arbeit an der Datenbank. Die Pflege der Krumen und Kleinigkeiten. Genau das richtige für meine leicht gereizte, penibel-genervte Stimmung. Schön war dabei, wieder auf die 9-minütige Dokumentation Ostkreuz zu stoßen, die zwischen 2005 und 2007 am Bahnhof Berlin Ostkreuz gedreht wurde und die auch auf unserem Filmfestival gezeigt wurde. Der Film hat mir sozusagen heute über den Tag geholfen.
Ein rhythmischer, melancholischer Dokumentarfilm über einen einen uralten Berliner Bahnhof, der in den nächsten Jahren saniert wird, um sich dann in die Reihe der neumodischen, unpersönlichen Bahnhöfe Berlins einzureihen. Das Filmpoem montiert sehr gut beobachtete Stimmungen dieses mit den Jahren architektonisch immer verwachseneren und improvisierten S-Bahnhofs mit elektronischen Klängen. An manchen Stellen ganz klares Vorbild der Film Berlin: Die Sinfonie der Großstadt.
Die beiden Filmemacher Laura Geiger & Tom Kretschmer über den Film:
Der Film deutet den Verlust von Atmosphäre, Eigenart und sozialen Beziehungen des Bahnhofs an. Eine Gratwanderung zwischen notwendiger Veränderung und Bewahrung von gewachsenen Strukturen.
Ein Versuch diesem maroden und doch so charmantem Bahnhof Ostkreuz mit poetischen Bildern ein Denkmal zu setzen.
Ich finde, der Versuch ist gelungen. Habe den Film nun zum wiederholten Mal gesehen und sage: Tut das auch! Den Film gibt es entweder direkt hier auf YouTube oder auf der Homepage ostkreuzfilm.de.
Eben mit dem Kind auf dem Bauch während sie einschlief einen kurzen Comic von Pascal Girard gelesen. Diesen hier: Nicolas. Pascals kleiner Bruder stirbt mit fünf Jahren. Der Comic besteht aus wenigen Situationen, in denen über Etappen der Kindheit, Jugend und als junger Erwachsener kurz die Erinnerung an den toten Bruder aufkeimen. Die Erinnerung, die Trauer als ständiger Begleiter eines Protagonisten.
Via @kosmar bin ich heute morgen auf einen Artikel über die Ansichten des Pabstes zum Social Web und der modernen Kommunikation überhaupt gestoßen. Angeblich, so der Blogautor des Bosten Globe, warnt der Pabst vor zu viel Facebook-Nutzung. In dem Blogartikel wird aktuell der Pabst zitiert und man ist der Meinung, dass er sich mit folgendem Absatz ganz klar auf Facebook bezieht:
"The concept of friendship has enjoyed a renewed prominence in the vocabulary of the new digital social networks that have emerged in the last few years. The concept is one of the noblest achievements of human culture. ... We should be careful, therefore, never to trivialise the concept or the experience of friendship. It would be sad if our desire to sustain and develop on-line friendships were to be at the cost of our availability to engage with our families, our neighbours and those we meet in the daily reality of our places of work, education and recreation. If the desire for virtual connectedness becomes obsessive, it may in fact function to isolate individuals from real social interaction while also disrupting the patterns of rest, silence and reflection that are necessary for healthy human development."
Darüber habe ich noch etwas nachgedacht beim heutigen Spaziergang mit der Kleinen am südlichen Mauerstreifen Berlins. Ich habe überlegt, wie so etwas wohl kommt, dass der Vatikan jetzt vor Facebook warnt. Ob da lauter Leute beichten, dass sie andauernd online Freundschaften pflegen, dabei aber ihre Familie und echten Freunde vernachlässigen? Was ist, wenn nun aber Freunde und Familie nicht alle im selben Dorf wohnen, sondern überall auf der Welt und man über Facebook einfach viel besser Kontakt aufrecht erhalten kann? Und dann fiehl mir noch ein guter, katholischer Freund ein, der mal meinte, dieses ganze Ge-twitter sei doch nur für Leute, die keine Freunde haben. Um das zusammen zu fassen: ich steigerte mich heute Nachmittag beim Spaziergang da gedanklich ein bisschen rein, über die Online-Friendship-Feindschaft der katholischen Kirche und jetzt eben, beim Nachlesen merke ich: Stimmt alles gar nicht!
Ist natürlich vollkommener Quatsch, dass der Pabst vor Facebook-Nutzung warnt. Ist halt nur eine geile Schlagzeile. Wenn man nachliest in der oben zitierten MESSAGE OF THE HOLY FATHER BENEDICT XVI FOR THE 43rd WORLD DAY OF COMMUNICATIONS wird erstens Facebook gar nicht genannt, zweitens geht es allgemein um moderne Kommunikation und Internet und eventuelle Gefahren und so, und drittens geht es darum, dass die jungen Katholiken, die sich in diesen neuen Kommunikationswelten bewegen, auch dort ihren Glauben verbreiten mögen:
I would like to conclude this message by addressing myself, in particular, to young Catholic believers: to encourage them to bring the witness of their faith to the digital world. Dear Brothers and Sisters, I ask you to introduce into the culture of this new environment of communications and information technology the values on which you have built your lives.
Das sollen sie gerne machen, die jungen, gläubigen Katholiken. Das soll bitte jeder machen wie er denkt und glaubt. Ist nicht verboten. Ist Kommunikation, ist Menschenrecht. Ich werde nur bisschen wütend, wenn so ein dahergelaufener Pulitzerpreis-Gewinner, wie der Blogautor Michael Paulson im Bosten Globe so ein Blödsinn schreiben darf und ich auch noch so blöd bin, Stunden darüber nachzudenken. Ich bin kein Katholik, aber ich mag es nicht, wenn Leute so unreflektiert Feindbilder schüren. Der Vatikan hat jetzt übrigens auch einen YouTube-Channel.
:::: beide Filme gesehen am 23.1.09 im Babylon Berlin:Mitte
Prince of Broadway
USA 2008; R: Sean Baker; mit Prince Adu, Karren Karagulian, Aiden Noesi; Digibeta, 100 min, OV
In der American Independent Filmreihe im Babylon gewesen. Zunächst diesen Film gesehen: Lucky lebt von der Hand in den Mund. Sein Job: Kundschaft vom Broadway anlocken für einen kleinen, halblegalen Shop, in dessen Hinterzimmer Schwarzimporte verkauft werden. Plötzliche taucht aus heiterem Himmel eine ehemalige One Night Stand Bekanntschaft bei Lucky auf und überlässt ihm kurzerhand den angeblich gemeinsamen Sohn. Zunächst vollkommen überfordert, selber ja kaum für sich selber Verantwortung übernehmend, reift Lucky an der überraschenden Vaterschaft. Bis dahin ist es jedoch ein weiter, verfluchter Weg durch den Großstadtdschungels New Yorks. Durch Improvisation mit den Schauspielern entlang eines Drehbuchs entsteht "Realismus". Dazu Handkamera. An sich ist das als Stilmittel von unabhängigen Filmen verschiedenster Länder seit den 1960ern ja nichts Neues. Hier jedoch gelingt die Mischung einer Street-Authentizität mit einem packenden, tiefen Handlungskern sehr gut. Homepage: www.princeofbroadway.com/
Nights and Weekends
USA 2008; R: Greta Gerwig, Joe Swanberg; mit Greta Gerwig, Joe Swanberg; Digibeta, 90 min, OV
Am selben Abend gleich noch einen Film hinterher, der war dann aber nicht so gelungen. Ebenfalls um Authentizität bemüht verfolgt man in "Nights and Weekends" eine etwas schleppende Paarbeziehung.
Er lebt in Chicago, sie in New York. Anstatt die Freuden dieser Fernbeziehung genießen zu können, werden die gemeinsamen Wochenenden zu Erinnerungen über die Schwierigkeiten ihrer Beziehung. Episoden in der Zeit später, nach der Trennung, treffen sie sich irgendwann wieder und versuchen an der Illusion ihrer Beziehung anzuknüpfen, was natürlich erneut scheitert.
Der Film gehört einer Bewegung an von jungen Filmemachern und seit 2002 zahlreich entstandenen Ultra-Low-Budget-Filme, welche unter dem Begriff Mumblecore (to mumble = nuscheln, murmeln) zusammengefasst wurden. Von dieser Strömung hatte ich vorher noch nicht gehört, Kernanliegen dieser Filme ist wohl immer, die Gefühlslage von Twentysomethings einzufangen. Schönes Thema, was allerdings besser schon in den 1990ern in vielen Arthouse-Filmen Hollywoods gelungen war. Ich muss sagen, für mich sah das alles ziemlich unausgegoren aus und die Schauspielerin nervte. Das war alles so leicht übertriebenes Acting auf so einer anstrengenden Realness-Ebene, aber halt nicht echt, sondern Schauspielform. Joe Swanberg haut wohl als Regisseur in Abständen von wenigen Monaten viele solche Filme raus. Daher ist die Qualität des Einzelfilms eventuell auch eher in dem Zusammenhang einer Arbeitsserie zu sehen. Mal beobachten. Mumblecore, noch nie gehört. Wird ja aber auf der Berlinale auch was von zu sehen sein.
Exkurs
Am Samstag dann am Nachmittag hängen geblieben bei einer Sendung auf arte über Alexander Kluge. Da war sie wieder, die Sehnsucht nach Realität im Bewegtbild und die Abkehr von medialer Illusion. Beide Filme oben haben beide auch den Anspruch durch Reduktion der stilistischen Mittel eine Form von Realismus zu zeigen. Beide Filme jedoch, der eine besser, der andere schlechter, stecken aber um für mich wirklich außerordentlich interessant zu sein, formal zu sehr in der Gattung "American Independent" und bedienen sich an Stilen, die seit den 1960ern im unabhängigen Kino etabliert sind. Darüber hat nun Alexander Kluge auch gesprochen, als es um seine frühen Film ging. Improvisation im Schauspiel, die Abkehr von "Opas Kino" (was wohl nicht nur thematisch gemeint ist, sondern auch rein die Produktionsmittel angeht), die Loslösung von Zwängen, das Entfesselte-Filme machen. Man kennt die Sehnsucht nach filmischer Freiheit aus dem Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962.
Was nun aber interessant war, dass Kluge sich innerhalb seines sehr vielschichtigen Anspruchs auf medialen Realismus für dieses Video begeistern konnte. Denn dieses 15 Sekunden langes Zoobesucher-Video schafft eine Realität einzufangen, die universal funktioniert und nicht durch irgendeine Inszenierung die Realität herausfordert.
Der neue mediale Realismus findet nicht in der Wiederholung der immer gleichen Filmstile von ehemals revolutionären Filmströmungen statt. Sie findet nicht dort statt, wo das scheue Reh Realismus mit schauspielerischen und visuellen Experimenten auf eine Lichtung gelockt wird. Und für mich persönlich findet das alles momentan auch immer weniger im Kino statt.
... hier noch was bloggen würde, hätte ich wahrscheinlich das Bedürfnis, über meine innere Wut seit wenigen Tagen zu schreiben, darüber dass der Verband der Branche, in der ich arbeite, mit einem Projekt aus Versehen und vollkommen in gutem Willen dermaßen in meinem Gewässer fischt, ich aber aus anderen Verquickungen und Interessenslagen nicht so wütend darüber sein darf, wie ich eigentlich möchte. Darüber blogg ich aber nicht. Wurmt trotzdem sehr.
... den Tag zusammenfassen wollte, fiele mir als erstes der nicht geschriebene Blogeintrag von gestern ein, in dem ich darüber schreiben wollte, was mir durch den Kopf geht, dass so geschätzte Internetleute wie Don Dahlmann und Sascha Lobo jetzt aktuell auf eigener Namens-Domain ihre Privat-Blogs starten. Beide aus durchaus nachvollziehbaren Gründen. Ich habe ebenfalls über den Jahreswechsel darüber nachgedacht, diese wohlige Kinderstube blogger.de zu verlassen und tristesse-deluxe.de zu reloaden. Oder gleich alles auf meiner Realname-Domain, eventuell? Ist das ein aktueller Trend, dass jetzt nach den Blogs-sind-tot-Rufen eine Renaissance, ein neues Bewusstsein über das Bloggen eintritt? Basic hat sein Blog verkauft, um Privat- und Fachblog zu trennen und irgendwie, keine Ahnung, "was Neues" anzufangen. Ähnliche Motivation bei Herrn Dahlmann, (also jetzt nicht der Ausverkauf, wenn ich das richtig verstehe). Naja, und Sascha macht mit dem neuen Blog das, was ich mit hier eigentlich sowieso lange machen wollte, aber immer auf die lange Bank schiebe. Kann Zufall sein, kann aber auch schleichende Trendwende sein, dass sich die berauschende Twitter-Extase langsam konsolidiert und Weblogs als Instanz neben twitter neu bewertet werden. Medienhistorisch ja immer das selbe: Das neue Medium ersetzt nicht das alte vollkommen, sondern assimiliert Teile des alten Mediums, womit gleichzeitig die gesellschaftlichen Funktionen beider Medien neu bewertet und aneinander angeglichen werden. Egal, wahrscheinlich subjektive Wahrnehmung, aber auch bei weniger prominenten Bloggern/Twitterern glaube ich einen solchen Wechsel hin zum Reload-Blog zu erkennen. Und wenn ich selber schon tatsächlich ernsthaft darüber nachdenke, ... (aber egal, das war gestern und ist heute schon wieder irrelevant)
... ganz ehrlich sein müsste, ich würde euch sagen, ich sei gerade so müde vom Telefonieren im Büro und vom Floskeln sagen und vom Meinung performen und vom Wut unterdrücken. Und ich müsste gestehen, dass ich überhaupt keine Lust mehr habe, heute noch irgendwas zu bloggen, sondern mich lieber mit den beiden aktuellen, letzten Folgen von "30 Rock" und "Gossip Girl" auf dem Leih-Handy unter meine Bettdecke verkriechen möchte. Fragt nicht. Sind super TV-Serien, gibt es in Deutschland so eigentlich noch nicht, aber mein amerikanischer Gastbruder nimmt mir die immer auf VHS auf und schickt die mir rüber. Womit ich streng genommen natürlich Teil meines eigenen Problems bin.
... einfach noch mal zurück denke, was am krassesten war heute, dann ist es die Deutsche Sprache und vor allem der Verkehrsunfall zwischen Fahrrad und Auto, der um 20:10 Kreuzbergstraße Ecke Möckernstraße kurz vor meiner Nase passierte.