Deutschland, 2007, 87 min - Regie: Philip Scheffner
Sehr interessante Doku über auf Schellackplatten archivierte Stimmen von Kolonialsoldaten aus dem ersten Weltkrieg, die im Gefangenenlager Wünsdorf bei Berlin in Allianz von Militär, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie aufgenommen wurden. Der Film ist eine experimentelle Spurensuche. Ausgehend vom Tonarchiv, versucht der Filmemacher die Identitäten der Stimmen herauszufinden. Wer waren diese indischen Kriegsgefangenen? Wie fühlten sie sich als Söldner in einem Krieg, der nicht ihrer war? Es ist ein Gedächtnispuzzle, das bis zum Ende unvollständig bleibt. Spiralförmig schrauben sich die Worte seiner Protagonisten ineinander. Diejenigen, die den Aufnahmeknopf drückten an ihren Phonographen, an ihren Foto- und Filmkameras, haben die offizielle Geschichte geschrieben. Die Gefangenen aus dem „Halbmondlager“ sind aus dieser Geschichte verschwunden. Ihre Geister aber scheinen mit dem Filmemacher zu spielen, ihm aufzulauern.
Brasilien, Deutschland, 2007, 92 min - Regie: Paulo Caldas -
Darsteller: Nash Laila, Peter Ketnath, Hermila Guedes
Die 16-jährige Jéssica lebt mit Mutter und Stiefvater in einem kleinen Dorf. Doch von Familienidyll keine Spur. Jéssica wird vom Stiefvater vergewaltigt und die Mutter drängt darauf, das Verbechen nicht anzuzeigen. Mit einem Mal ist Jéssicas kindliche Welt zerstört. Wie viele Mädchen mit ähnlicher Geschichte beginnt auch Jéssica, sich zu prostituieren. Erst steht sie auf einem Straßenstrich in der Nähe, dann nimmt sie ein Lastwagenfahrer mit nach Recife. Zwischen Nachtclubs, bezahltem Sex mit Touristen und dem Meer beginnt hier Jéssicas neues Leben. Nach getaner Arbeit in der Amazonas Bar kehrt sie jeden Morgen zurück in das heruntergekommene Appartement von einer alten Hure, die von den exorbitanten Mieten lebt, die sie jungen Kolleginnen für ein armseliges Zimmer abknöpft. Jéssica Traum, einen Mann zu finden, mit dem sie eine romantische Liebe erleben kann, scheint in Erfüllung zu gehen, als sie einem langhaarigem, blonden Deutschen begegnet, mit dem sie von einem Leben in Wohlstand in einem winterlich kalten Land träumt. Doch denkste – im Prenz’lberger Loft angekommen ist die Welt auch nicht besser.
Okay inszeniert, aber vorhersehbare Story. Tut sich ein bißchen zum Sozialkitsch aufplustern.
Doku über Yves Saint Laurent, der sich 2002 aus dem Modegeschäft zurückzog. Der Film zeichnet die letzten zwei Jahre in der Karriere dieses Modeschöpfers. Ich kenn mich in Mode nicht so aus und mir ist das zelebrieren von irgendwelche Modegenies ziemlich egal und wirklich dicht kommt der Film an die Person Yves Saint Laurent auch nicht ran. Trotzdem: einige Einblicke in die Mechanismen der Modewelt, in die Strukturen einer nahezu höfischen Gesellschaft.
Tschechische Republik, 2006, 95 min - Regie: David Ondricek - Darsteller: Marek Taclík, Klara Issa, Jaroslav Plesl, Jaromír Dulava, Dita Zabranska
Ein futuristisches Grandhotel das auf dem Berg Jested in den Himmel ragt, hoch über Liberec gelegen, dem ehemaligen Reichenberg im nördlichen Böhmen, im Dreiländereck zwischen Tschechien, Deutschland und Polen [Das nur so genau, um es sich zu merken, für etwaige Hochzeitsfeiern oder gleichwertige Jubiläen]. Einer, der schon seit Jahren ganz oben in der Spitze des Hotels lebt ist Fleischman: Der Hausmeister des berühmten Hotels ist ein begeisterter Amateurmeteorologe und möchte darum dem Himmel so nahe wie möglich sein. Dreimal am Tag misst er die Temperatur, und die vorüberziehenden Wolken symbolisieren für ihn die Freiheit. Eigentlich träumt Fleischman davon, ein Vogel zu sein und alles hinter sich zu lassen - Liberec, das er in seinem Leben noch niemals verlassen hat; das Hotel, in dem er doch nur als Prügelknabe dient; sein ganzes erfolgloses Leben. Ein Verrückter würde sich an seiner Stelle Flügel bauen, aber Fleischman ist kein Verrückter - er näht sich einen Ballon. Längst hätte er in ihm das Weite gesucht, wäre nicht eines Tages Ilja aufgetaucht. Das schüchterne Zimmermädchen lenkt seine Gedanken zurück auf die Erde. Doch Ilja ist nicht frei, sondern führt eine unglückliche Beziehung mit Patka, einem arroganten Kellner. Und Patka denkt gar nicht daran, sie so einfach ziehen zu lassen, auch wenn sie sich zu Fleischman hingezogen fühlt.
Es geht um die Liebe und um unerfüllte Träume, um die Sehnsucht, die Zwänge des eigenen Daseins zu überwinden. Schöne, runde Sache, nie langweilig erzählt. Die Magie eines seltsamen Ortes, hoch über den Wolken – fast eine Raumstation.
Unter dem strengen Blick der regierenden Liberaldemokratischen Partei Japans kandidiert der politisch unerfahrene Yamauchi Kazuhiko für einen Sitz im Parlament der Industriestadt Kawasaki. Sein Studienfreund, der Filmregisseur Soda Kazuhiro, hat den Wahlkampf mit der Kamera begleitet. Yamauchis spontaner, nicht ausreichend vorbereiteter Wahlkampf ist eine Tour de force, die an die Grenzen der Belastbarkeit führt. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend baut er sich mit Plakaten, Megafon und Schärpe bewaffnet vor Supermärkten, in Wohnstraßen und auf Bahnhofsvorplätzen auf, um potenzielle Wähler von einem Programm zu überzeugen, das ihm von anderen eingebläut wurde. Schwerer noch wiegen der enorme Druck, den die Partei ausübt, und die finanzielle Belastung, die auch die private Existenz in Frage stellt. Nach der Methode des Direct cinema gedreht, argumentiert der Film nicht politisch, sondern lässt sich Zeit für Beobachtungen, auf der Straße, im Hotelzimmer, in Wahlkampfbüros, auf Autofahrten. Einen beängstigenden Eindruck von der Bevormundung durch die allmächtige Partei gibt die absurde Diskussion darüber, ob die Frau des Kandidaten sich "tsuma" (Ehefrau) nennen darf oder besser als "kanai" (Hausfrau) vermarktet wird.
Das schöne an der Gattung Wahlkampfdoku ist, finde ich, dass sie eigentlich alle gleich sind und man trotzdem nach der Magie von Politik sucht, trotzdem versucht zu verstehen, was Politiker eigentlich antreibt, diesen Job zu machen. In dieser Doku ist der Protagonist herrlich unbedarft und Spielball seiner selbst.
:: gesehen am 14.2.2007 im Cinemaxx1 (Berlinale Nachspiel)
Dtl. 2006 - Regie: Sebastian Schipper - mit: Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo
Daniel Brühl als junger, erfolgreicher Versicherungs-Statistiker wird von seinem Chef beauftragt, einen Tag Feldforschung bei einer Autovermietung zu machen. Gleichzeitig mit ihm fängt dort auch Jürgen Vogel an zu arbeiten. Zwischen beiden entwickelt sich zunehmend eine innige Freundschaft. Sabine Timoteo ist das Mädchen, in das sich beide verlieben, was aber der Freundschaft nicht schadet.
Schöner, leichter und humorvoller Film vom "Absolute Giganten" Regisseur. Fühlt sich auch ähnlich an wie "Absolute Giganten", nur dass hier nun eine Freundschaft beginnt und nicht zu Ende geht.
Danach dann wieder gut Lust auf Festivalfilme gehabt.
D 2006, R: Matthias Luthardt - mit Sebastian Urzendowsky, Marion Mitterhammer, u.a.
Lief nicht offziell auf der Berlinale, sondern in der Reihe deutscher Filme des letzten Jahres im Rahmen der Berlinale, welche ganz hilfreich ist, Filem zu sehen, die man verpasst hat.
Inhalt: Ohne Vorankündigung besucht der 16-jährige Paul seine Verwandten. Er hat erst vor kurzem seinen Vater verloren, auf der Suche nach einer heilen Welt geht er an einen Ort, der ihn an unbeschwerte Kindheitstage erinnert. Dabei dringt er in den Mikrokosmos einer scheinbar glücklichen Familie ein. In seiner Tante Anna lernt Paul eine Frau kennen, die seine Anwesenheit anfänglich widerwillig hinnimmt, ihn dann aber zu akzeptieren beginnt und auf ihre Seite zieht. Paul sucht immer stärker ihre Nähe und bemerkt zu spät, dass sie ihn als Spielball benutzt. Als sie dabei die Kontrolle verliert, reagiert Paul mit einer Verzweiflungstat.
Junges Deutsches "Realitäts"-Kino macht auf französischen Film und ist dabei wenig originell - Stil und Handlung irgendwie schon oft genug gesehen. Dialoglastig und leider zu sehr konstruiert im Drehbuch und auch in der Kameraarbeit. Teilweise auch das Schauspiel der beiden Jungs sehr nervig. Damit nicht genug - im anschließenden Publikumsgespräch bewiesen Regisseur und Drehbuchautorin, dass das Publikum den Film besser verstanden hat, als sie selber. Jedenfals konnten oder wollten sie nicht auf die 2-3 intelligenten Fragen zum Film antworten.
Frankreich, 2006, 115 min - Regie: André Téchiné - Darsteller: Michel Blanc, Emmanuelle Béart, Sami Bouajila, Julie Depardieu, Johan Libereau, Constance Dollé, Lorenzo Balducci
Sehr dialoglastig - wie nicht anders bei einem französischen Film zu erwarten - wird die Anfang der 80er angesiedelte Geschichte erzählt über den jungen, hübschen Manu, der nach Paris gekommen ist, um sich einen Job zu suchen. Zunächst zieht er mit seiner Schwester Julie zusammen, die ein Zimmer in einem billigen Hotel anmietet. Manu ist eine Nachteule und schwul. Eines Abends lernt er im Stadtpark Adrien kennen. Mit dem homosexuellen und ebenso kommunikativen wie kultivierten Arzt Anfang 50 verbindet ihn rasch eine unbeschwerte, platonische Freundschaft. Bald lernt Manu auch Adriens Freundeskreis kennen. Darunter auch eine junge Familie, er Polizist bei der Sitte, sie Schriftstellerin, beide haben gerade ein Baby bekommen. Manus Einbruch in das Leben der drei erschüttert deren Beziehungsgeflecht. Unbeabsichtigt und ohne es zu wissen, bewirkt Manu, dass sie sich ihre wahren Sehnsüchte eingestehen.
Soweit alles typisch französisch. Problem ist nur - es ist Anfang der 80er und schon bald wird zu den Beziehungswirren auch noch das Thema AIDS aufgemacht. Manu ist unheilbar erkrankt und noch wissen die Ärzte nicht, wie man den Virus bekämpfen kann. Das plätscherte alles ziemlich gemächlich vor sich hin, hat bisweilen einen etwas moralischen Unterton. Bin dann vor Ende des Films noch zur British Council Party im Watergate gefahren, die dann aber auch schon bald zuende ging.
Großbritannien, Frankreich, 2007, 95 min - Regie: Kevin Aduaka - Darsteller: Kadeem Pearse, Tony Cealy, Laura Crowe, Mark Oliver, Geoffrey Burton
Jedes Jahr werden da im Forum auch so Filme gezeigt, die mit wackeliger Handkamera in schwarzweiss gaaaanz, ganz tief in Psychen und verletzen Seelen eindringen. Dieser ist auch so einer. Ich langweile mich da drin immer ziemlich, weil ich finde, mindestens seit Cassavetes oder zuletzt seit "Sue - eine Frau alleine in New York" sind viele dieser Stilnachahmer nichtmal nahe drangekommen. Aber interessant genug, um nicht rauszugehen fand ich in dann schon (es gab allerdings in der Zeitschine auch keine Alternative).
Als Derek ein kleiner Junge ist, nennt sein Vater ihn Elvis. Zum Geburtstag bekommt er den weißen Anzug und die Locken geglättet. In seinem Zimmer hängen Plakate von Jimi Hendrix, und Derek spielt Cowboy, aber im Wohnzimmer läuft die Musik des King. Schließlich hält er es nicht mehr aus und der Vater muss sterben. Als junger Mann nennt Derek sich selbst Jimi, trägt eine wilde Lockenperücke und sucht sich einen neuen Vater. Als auch dieser stirbt, stellt Derek dem Toten die Frage, die sein wirklicher Vater nie beantwortet hat: Warum Elvis?
Elvis Pelvis erzählt die Geschichte von Idolen, die nicht sterben dürfen, und von Menschen, die diese Idole nicht überleben können. "Ready or Not - Here I Come" - die Suche nach der Identität ist ein Versteckspiel, ein Maskenball. Und weil die Frage nach der Identität eine existenzielle ist, wird aus dem Spiel schnell tödlicher Ernst: Familie, Wohnung, Stadt und Seele werden zum klaustrophobischen Schauplatz eines Showdowns, in dem es keine Gewinner geben kann. Elvis Pelvis hat die Intensität einer Heimsuchung. Der Film porträtiert Menschen, die das Gefängnis ihrer Imagination nie verlassen können, der Weltverlust ist totalitär. Gejagt von der Sehnsucht nach sich selbst und den Geistern der Black American Heroes streunt Derek durch die Stadt. Und seine Suche gilt nicht mehr abstrakten Idolen, er sucht nach Erlösung, nach dem einen Augenblick, in dem alles in Ordnung ist. (Berlinale Katalog)
Hongkong, China, Volksrepublik China, 2006, 97 min - Regie: Zhang Yang - Darsteller: Zhao Benshan, Hong Qiwen, Song Dandan, Guo Degang, Hu Jun, Sun Haiying, Xia Yu, Wu Ma
Im Rückblick der vergangen Tage war dieser chinesische Roadmovie eigentlich der Film, der mich bislang auf der aktuellen Berlinale am stärksten eingenommen hat. Zhao, ein alter Arbeiter entschließt sich, den Leichnam seines Freundes und Arbeitskollegen Wang, in dessen Heimatdorf zurückzubringen. Aus dem Überlandbus wird er und der Tote bald rausgeschmissen, also muss er sich mit alternativen Mitteln fortbewegen. Dabei geraten die zwei Freunde in witzige und tragische Situationen und durchleben unterschiedlichste Momente und Landschaften Chinas. Auf seiner Odyssee durch das ländliche China muss Zhao sich mit den unterschiedlichsten Menschen arrangieren.
Zum einen der Hauch von Slapstick, wie der arme Kerl andauernd an den Toten gebunden ist. Zum anderen eine tragische Freundschaftsgeschichte, denn der lange Weg zum Heimatdorf ist auch ein langer Weg der Trauer. Hab herzhaft gelacht und geweint - eine emotionale Dynamik, die bei mir selten ein Film auslöst.